Fründliche Scherereien


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Berlin (4) – dunkle Zeiten

 

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Ein großes Feld aus grauen Stelen. Jeder Klotz in diesem Feld uniform, mancher höher, mancher niedriger, am Anfang einzeln, später immer dichter. Es gibt viele Eingänge in das Holocaust Mahnmal: Von allen Seiten tritt man ein in eine enge Parallelwelt. Zuvor hat sie sich die kleine Gedenkstätte der im dritten Reich verfolgten Sinti und Roma angesehen. Eine dunkle Zeit war das. Von oben leuchtet die Abendsonne auf die Oberflächen der dunklen Türme, die in ihrer Dichtheit ein regelmäßiges Bild abgeben. Dahinter die Skyline von ein paar Hochhäusern. Auf einer Dachterrasse feiern Menschen mit Ballons und schönen Kleidern ein Fest. Lachen und Rufen klingen herüber. Sie macht ein paar Schritte in das Stelenfeld hinein. Am Anfang kann sie sich noch gut abgrenzen. Immer tiefer und dämmriger wird es zwischen den Klötzen. Sie befindet sich nicht in einem Labyrinth. Sie kann auf allen Seiten wieder hinaus und folgt einem klaren Weg. Doch das beruhigt sie nicht. Denn die Atmosphäre wird enger und dichter. Sie kann den Ausgang sehen, doch je tiefer sie hineingeht in den Raum des Denkmals, desto beklemmender wird ihr zumute. Die Geräusche der Straße dringen nur gedämpt herüber. Hier ist sie allein.

 

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Sie hört andere Stimmen von Menschen, die wie sie im Feld herumlaufen. Ab und zu schaut jemand um die Ecke. Aber eigentlich ist sie allein mit ihren Gefühlen, ihrem Unbehagen. Es ist kein Platz für Phantasie, kein buntes Bild lockert den Weg auf. Nun ist sie mittendrin und kann den Ausgang sehen, doch er scheint weit entfernt und hat mit ihr nichts zu tun. Über ihr scheint die Sonne. Sie sieht den Himmel, aber er ist für sie nicht erreichbar.

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Es wird kühl zwischen den Steinen. Die Oberfläche ist abweisend. Und immer diese Gleichförmigkeit, die ihr schlicht den Atem nimmt. Es ist zu eng, um nebeneinander Hand in Hand zu gehen. Unwillkürlich fährt ihre Hand an den Stelen entlang, um Halt zu finden. Sie bewegt sich jetzt schneller Richtung Tageslicht. Als sie aus dem Stelenfeld heraus ist, hält sie ihr Gesicht in die Abendsonne. Wie gut das Licht und die Wärme zu spüren sind. Als sie auf die Uhr schaut, erkennt sie: Sie hat es nur 5 Minuten ausgehalten. Das dritte Reich währte 12 Jahre.

 

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