Fründliche Scherereien


3 Kommentare

Buchbesprechung „Das Gesicht des Fremden“ von Anne Perry

Anne Perry - Das Gesicht des Fremden

In der Stadtbücherei in Pr. Oldendorf kann man folgendes Buch neu ausleihen:

„Das Gesicht des Fremden“ von Anne Perry

 

Hauptcharaktere

Da sind ein Unfall, ein Mord und ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hat. Der Leser begegnet der Hauptperson gleich auf den ersten Seiten in seiner schwächsten Stunde in einem dreckigen Krankenhaus in London. Damit startet Anne Perry, eine englische Krimiautorin, ihre Serie um Inspektor Monk und seine Freunde Hester Latterly und Sir Oliver Rathbone im viktorianischen England. Das Zeitalter ist geprägt von Schichtendenken, Standesdünkeln und festgelegten Rollenbildern. Zwei Charaktere wie sie unterschiedlicher nicht sein können werden in ein und denselben Fall verwickelt. Auf der einen Seite steht Inspektor William Monk, der durch einen Kutschenunfall sein Gedächtnis verliert und nicht nur seine Identität sondern gleichzeitig auch den Mörder eines jungen Mannes aus hochangesehener Familie sucht. Auf der anderen Seite ist da Hester Latterly, die sich dem Rollenbild des 19. Jahrhunderts als sittsame Ehefrau und Mutter so gar nicht hingeben will sondern stattdessen im Krimkrieg verwundete Soldaten an der Front betreut. Durch verwickelte Umstände arbeiten beide daran, den Mordfall aufzuklären und nur widerwillig schließen sie eine Art von Freundschaft, die am Ende vor allem durch Verletzlichkeit und Vertrauen geprägt wird.

Zum Inhalt

Joscelin Grey, Mitglied der gehobenen Gesellschaft und Veteran aus dem Krimkrieg, wird in seiner Wohnung brutal ermordet. Monk, gerade erst von einem Kutschenunfall genesen, versucht trotz Amnesie den Fall aufzuklären. In Hester Latterly findet er eine unfreiwillige Verbündete. In seinem Polizeikollegen Evan einen treuen Freund. Doch die Suche gestaltet sich schwierig, ist die Tat doch schon ein paar Tage her und außer ein paar untauglichen Zeugenaussagen und einer mit Gewalt demolierten Wohnung des Mordopfers hat Monk zunächst nichts in der Hand.Doch was er herausfindet, zieht bald weitere Kreise als angenommen. Auch sein ihm nicht gerade freundlich gesonnener Vorgesetzter namens Runcorn setzt alles daran, ihn zum Scheitern zu bringen. Monk wird dabei auch mit Wesenszügen seiner selbst konfrontiert, die er einfach vergessen hat. Nicht immer gefällt ihm der Mann, den er dabei quasi wie neu kennenlernt und der er doch selbst ist.

Anne Perry beschreibt die Ermittlungstätigkeiten und die gesellschaftliche Umstände, in denen sich die damals gar nicht so respektierte Polizei bewegen muss, sehr detailliert und facettenreich. Man bekommt ein reichhaltiges Bild von Ober- und Unterschicht.Die Polizeiarbeit muss mit sehr viel Fingerspitzengefühl ausgeführt werden. Der Adel hat regelmäßig Sonderrechte und Vertrauensvorschuss, den ein einfacher Bürger nicht automatisch zugestanden bekommt. Die Gespräche sind bisweilen kompliziert. Polizisten gehen beispielsweise nicht durch die Vordertür, sondern durch den Dienstboteneingang. Auch das damals herrschende Frauenbild wird sehr anschaulich beschrieben.

Wie liest sich das Buch?

Die Gespräche von Hester Latterly und William Monk sind spitz, schlagfertig und scharfzüngig. Sie sind charakterstarke Menschen und auffällig autarke Persönlichkeiten in dem sehr geregelten Gesellschaftsleben des 19. Jahrhunderts.

Der Roman ist schon aus dem Jahr 1990 und der erste Teil einer Reihe, die Anne Perry bis heute mit jeweils einem Buch pro Jahr ergänzt. Die Ereignisse sind verwickelt und spannend. Es ist viel Zeugen- und Ermittlungsarbeit durch Kombination und Ausschlussverfahren nötig. Es liest sich nicht immer einfach hintereinander weg. An manchen Stellen wird es etwas zäh, aber kurz bevor man anfängt sich zu langweilen, ergeben sich überraschende Wendungen, die den Fall selbst und auch die Protagonisten wieder rätselhaft werden lassen. In der Mitte des Buches ist alles so ineinander verstrickt, dass man das Ende unbedingt erfahren muss.

Zusammenfassend

Es ist ein Buch abseits des Mainstreams ohne viel Blut und grausame Schilderung von Mordmethoden dafür aber sehr intelligent gemacht. Es lebt von den Persönlichkeiten der Hauptcharaktere. Im zweiten Band „Gefährliche Trauer“ wird die Geschichte fortgeführt und Sir Oliver Rathbone als Anwalt und dritte Hauptperson eingeführt. (Die folgenden Romane spielen dann auch viel im Gerichtssaal, wo sich Sir Oliver redegewandte Scharmützel mit Staatsanwalt und Richtern liefern wird.)

Weitere Infos zur Schriftstellerin

Die Romanautorin, geboren als Juliet Hulme, beging selbst als Teenager einen Mord. Die Geschichte wurde 1994 von Peter Jackson unter dem Titel „Heavenly Creatures“ verfilmt und mit der späteren Oscar-Preisträgerin Kate Winslet für die Rolle der Juliet Hulme besetzt. Vor 1994 war die Identität Perrys in dieser Hinsicht nicht bekannt. 2007/2008 gewährte sie einem Kamerateam Einblicke in ihr privates und schriftstellerisches Leben in dem Dokumentarfilm „Interiors“.

Perry selbst als Person polarisiert, ob sie will oder nicht. Es ist die Frage nach Schuld und Vergebung, die von außen bezüglich ihrer Person aufgeworfen wird.  Darf man über so eine Schuld irgenwann hinwegsteigen und wieder ein „normales“ Leben führen? Wer kann sich überhaupt ein Urteil darüber erlauben?  Dieses Dilemma transportiert sie auch in ihre Krimis, die sehr intelligent und vielschichtig gemacht sind. Oft genug geraten die Hauptpersonen in Situationen, die moralisch nicht einfach schwarz-weiß zu lösen sind. Nicht immer siegt das Gute. Nicht immer sind die Bösen einfach nur böse. Die scheinbar Guten in der Gesellschaft sind gefangen in Konventionen und Scham. Das macht ihre Geschichten so spannend. So kann ich auch über die eine oder andere Länge oder nervige Wiederholung in ihren Romanen getrost hinwegsehen und gedanklich verschwinden ins viktorianische England mit seinen Kutschen, schwarzen Mänteln und Hüten, seinem Regen, weißen Häubchen und kirchlichem Staub und seiner feinen versnobten Elite und den Arbeitern und Gaunern.

Teile dieser Buchbesprechung erschienen auch im Pr. Oldendorfer Rundblick Ausgabe August 2015

Der Titel „Das Gesicht des Fremden“ von Anne Perry ist auch erschienen im Goldmann Verlag als E-Book. Es gibt auch eine Hörspielfassung mit u. a. Rufus Beck, Sonja Sutter, Harald Leipniz, die allerdings schon älter ist und zumindest bei einem großen Bücherversender über Drittanbieter läuft.
Advertisements