Fründliche Scherereien


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Berlin (5) – Was macht man eigentlich in einer Weltstadt zuerst?

Berlin ist eine Weltstadt. Oder auch nur eine Stadt, wie viele andere auch? Zeit, etwas Besonderes zu erleben in der großen weiten Großstadtwelt.

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Vor über 10 Jahren waren wir mal in London. London und Berlin zu vergleichen ist natürlich schwierig. Das soll hier auch gar nicht Thema sein. Nein Thema ist: Was macht man eigentlich in so einer Großstadt? Vor allem, wenn man ein kulturarmes Landei ist. Man weiß ja gar nicht, wo man als erstes hingucken geschweige denn hingehen soll. Also auf auf, die ausgetretenen Touripfade beschreiten und alles fotografieren, was andere auch schon fotografiert haben. Das war in London so und ist leider an manchen Stellen in Berlin nicht viel anders gewesen. So sehr wir uns auch angestrengt haben: Wir hatten wieder den Reichstag, wieder das Kanzleramt, wieder das Brandenburger Tor und noch so manch andere bekannte Sehenswürdigkeit vor der Linse (und haben abgedrückt.)

Schon nach unserem Besuch in London löste es es schieres Entsetzen bei manchen Freunden und Bekannten aus, dass wir in viele dieser obligatorischen Sehenswürdigkeiten gar nicht hineingangen sind. Nein, wir waren nicht in der Westminster Abbey. Wir waren auch nicht bei Madame Tussauds und nein, wir haben auch nicht die Houses of Parliaments besichtigt. Wir waren nicht im London Eye, nicht im Dungeon, wir haben keine Themse-Fahrt gemacht und uns auch nicht den Buckingham Palace von innen angesehen. Wir hatten nicht einmal Lust, auf das „Changing-of-the-Guard“ zu warten. Auch keine Stadtrundfahrt. Was also haben wir eigentlich in dieser Weltstadt gemacht?

Ich will es Euch sagen: Wir haben einfach viel erlebt. Wir sind einfach durch die Stadt „geschwommen“, haben uns mit den Bankern im St.-James-Park auf den Rasen, pardon auf’s Jacket gelegt und sind durch den Hyde Park und an der Themse entlang geschlendert. Den Tower haben wir besichtigt und die Tower-Bridge auch, bei Harrods sind wir kurz, bevor wir abfliegen mussten, in wilde Panik geraten, weil wir den Eingang, den wir genommen hatten, nicht wiedergefunden haben. Wir haben eine unbedeutende Kirche besucht, die in keinem Reiseführer steht, um uns von der Hitze zu erholen. Mit den Wartenden an der Bushaltestelle haben wir zahme Eichhörnchen mit Nüssen gefüttert. Und eines Abends haben wir im St.-Eward-Theatre „Mamma Mia“ angesehen. Okay zufällig landeten wir direkt vor den Cabinet Warrooms, die wir uns dann auch angesehen haben. Sehr empfehlenswert, ähnlich wie die „Berliner Unterwelten“, die wir uns bei unserem Berlin-Aufenthalt aber auch nicht angesehen haben, obwohl sie uns mehrmals dringend ans Herz gelegt wurden.

Auch diesemal haben wir in Berlin nicht an einer Führung durch den Reichstag teilgenommen, wir waren nicht im Kabarett, nicht auf’m Alex, nicht im Zoo, nicht im Tiergarten, nicht am Schloss Bellevue, in keinem Park. Wir haben uns  stattdessen durch’s Regierungsviertel geschleppt, am Gendarmenmarkt mit Spatzen um unser leckeres Nudelessen gekämpft und Leute gesehen. In der Friedrichstraße haben wir die teuren Geschäfte von außen betrachtet und dann bei doch wieder bei bekannter Modekette im Sale eingekauft. Nichts, was man nicht auch bei uns bekommen könnte. Bei den Hackeschen Höfen sind wir durch eine Gruppe Grufties gestolpert und hatten für einige Sekunden ein Kurzgastspiel wie in einem Dracula-Film. Mit der Frau am Naturkundemuseum haben wir die Mittagspause und eine Bank geteilt. Und wir haben ein wunderbares Konzert mit Herbert Grönemeyer vor 22.000 Zuschauern auf der Waldbühne erlebt. Die Toiletten-Besatzung an der Damentoilette dort war übrigens gut organisiert, gut angezogen und sehr herzlich. Sehr empfehlenswert für eine Großveranstaltung.

Wir hatten in diesen Tagen unglaublich viel Zeit für uns. Gefühlt waren es nicht vier Tage, sondern eher vier Wochen.  Wir mussten nicht hinter uns schauen und mussten auch nicht im familiären Gänsemarsch (Vater vorne, Kinder in der Mitte, Mutter hinten) durch die Ausstellungen watscheln. Alte Ming-Vasen blieben von den Fingerabdrücken unserer Kinder verschont, genauso wie die Enten in den Parks vor unseren alten Butterbroten. Wir mussten auch nicht ständig „Haaalt“ oder „Voooorsicht Hundesch….“ oder „Komm jetzt endlich“ oder „Stopp, erst Händewaschen rufen“. Wir sind in ganz normale Restaurants eingekehrt und konnten auf der Spreefahrt direkt neben der Reling sitzen, ohne die Kinder durch Anketten am Stuhl vor’m Ins-Wasser-Fallen zu bewahren. Dafür gab es beim Bäcker leider kein Extrabrötchen mehr, bei einer bekannten Burger-Kette keine Gruselpuppen als Mitgebsel für das Kindermenü und nachts keine heißen Kinderfüße im Gesicht. Kein Kind wurde in der Straßenbahn vergessen oder eingequetscht und unser Rucksack (ja wir benötigten nur einen!) war ohne die Kinderwechselsachen auch recht leicht.

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Wir haben auch viel Elend gesehen und sind oft angebettelt worden. Mitten im Gewimmel tauchen sie auf und auch wieder ab: Die Obdachlosen, die Straßenkinder und viele andere, die keinen warmen Platz in ihrem Leben haben. Eine Frau in Charlottenburg hat mich total verstört. Sie saß im Rollstuhl in dreckigen Klamotten mit nur einem Bein und war des Sprechens kaum mächtig. Die Menschen zücken ihr Portemonnaie und schwimmen weiter im Alltag. Hilflos, erschüttert, ohnmächtig und sprachlos für den Moment. Es herrscht ein Kommen und Gehen. In dem Hotel, in dem wir übernachtet haben, arbeiten überwiegend Homosexuelle, die mit Herzblut und Hoffnung die Diskussionen um Homo-Ehe und so weiter verfolgen und mit ihren Gästen ganz offen darüber sprechen. Witzige kreative Menschen begegneten uns. Es war kein Problem, in der Straßenbahn mit ihnen ins Gespräch zu kommen und doch blieb alles anonym. Es war ein ständiges Vorbeifliegen, jede Mode, jede Kultur, jede Lebenseinstellung ist vertreten.  Menschen, die in unserem Dorf allein wegen ihres Äußeren jahrelang Gesprächsthema  wären, gingen an uns vorbei und gerieten auch wieder in Vergessenheit. So normal und außergewöhnlich sind sie zur gleichen Zeit. Nein, ich kann von Berlin keine Insider-Tipps verraten. Ich kann eigentlich nur eines empfehlen: Setzt Euch in die S-Bahn oder in die Straßenbahn, macht keine Pläne und steigt irgendwo aus, wo es Euch gefällt. Das Erleben kommt dann schon von allein.

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Berlin (4) – dunkle Zeiten

 

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Ein großes Feld aus grauen Stelen. Jeder Klotz in diesem Feld uniform, mancher höher, mancher niedriger, am Anfang einzeln, später immer dichter. Es gibt viele Eingänge in das Holocaust Mahnmal: Von allen Seiten tritt man ein in eine enge Parallelwelt. Zuvor hat sie sich die kleine Gedenkstätte der im dritten Reich verfolgten Sinti und Roma angesehen. Eine dunkle Zeit war das. Von oben leuchtet die Abendsonne auf die Oberflächen der dunklen Türme, die in ihrer Dichtheit ein regelmäßiges Bild abgeben. Dahinter die Skyline von ein paar Hochhäusern. Auf einer Dachterrasse feiern Menschen mit Ballons und schönen Kleidern ein Fest. Lachen und Rufen klingen herüber. Sie macht ein paar Schritte in das Stelenfeld hinein. Am Anfang kann sie sich noch gut abgrenzen. Immer tiefer und dämmriger wird es zwischen den Klötzen. Sie befindet sich nicht in einem Labyrinth. Sie kann auf allen Seiten wieder hinaus und folgt einem klaren Weg. Doch das beruhigt sie nicht. Denn die Atmosphäre wird enger und dichter. Sie kann den Ausgang sehen, doch je tiefer sie hineingeht in den Raum des Denkmals, desto beklemmender wird ihr zumute. Die Geräusche der Straße dringen nur gedämpt herüber. Hier ist sie allein.

 

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Sie hört andere Stimmen von Menschen, die wie sie im Feld herumlaufen. Ab und zu schaut jemand um die Ecke. Aber eigentlich ist sie allein mit ihren Gefühlen, ihrem Unbehagen. Es ist kein Platz für Phantasie, kein buntes Bild lockert den Weg auf. Nun ist sie mittendrin und kann den Ausgang sehen, doch er scheint weit entfernt und hat mit ihr nichts zu tun. Über ihr scheint die Sonne. Sie sieht den Himmel, aber er ist für sie nicht erreichbar.

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Es wird kühl zwischen den Steinen. Die Oberfläche ist abweisend. Und immer diese Gleichförmigkeit, die ihr schlicht den Atem nimmt. Es ist zu eng, um nebeneinander Hand in Hand zu gehen. Unwillkürlich fährt ihre Hand an den Stelen entlang, um Halt zu finden. Sie bewegt sich jetzt schneller Richtung Tageslicht. Als sie aus dem Stelenfeld heraus ist, hält sie ihr Gesicht in die Abendsonne. Wie gut das Licht und die Wärme zu spüren sind. Als sie auf die Uhr schaut, erkennt sie: Sie hat es nur 5 Minuten ausgehalten. Das dritte Reich währte 12 Jahre.

 

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Berlin (1) – Regierungsviertel

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Angekommen in Berlin. Wohin zuerst? Wir gehen auf Nummer Sicher und fahren erstmal ins Regierungsviertel. Es ist Donnerstag nachmittag und die Stadt ist ruhig und entspannt.  Als wir das letzte Mal in Berlin waren,  da war die Wiese noch nicht eingezäunt, die Treppen zum Eingang des Reichstages noch frei zugänglich ebenso wie die Kuppel. Ja ja, lang ist es her (1999 und 2004) Verschiedene Limousinen parken in der Seitenstraße und hinter dem Parlamentsgebäude. Das Paul-Löbe-Haus erhebt sich als großer Klotz mit vielen Fenstern recht anonym für unseren Geschmack entlang der Spree.

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Wir fragen uns, mit welchen Dingen sich die Menschen, die über unser Wohl und Wehe im Staat entscheiden, beschäftigen. Irgendwie scheint uns das alles wie eine Welt, die mit unserem Leben gar nicht viel zu tun hat. Wir sehen die Abgeordneten nicht bei der Arbeit, wir hören nur das, was in Verlautbarungen, amtlichen Mitteilungen und in der Presse bekannt wird. So emotionslos und kühl wie die Bauten kommt auch die Politik bei den Menschen an. Da drinnen sitzen die einen, und wir, die anderen, laufen an gut gesicherten und überwachten Gebäuden entlang. Hier kommen also all die Gesetze und Verordnungen her, die ein ganzes System am Leben halten und beschäftigen.  Die Atmosphäre ist ruhig. Wir sitzen auf der kleinen Treppe an der Spree und könnten fast die Füße ins Wasser baumeln lassen. Vor uns die neue Architektur, im Rücken die Geschichte und das Grundgesetz am Plexiglaszaun.

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Zum ersten Mal nehme ich wahr, wie auslegungsfähig unser Grundgesetz eigentlich ist. Vieles kann durch Gesetze beschränkt werden. Wie alles andere unterliegt auch das Grundgesetz gewissen Auslegungskriterien, die sich an der gesellschaftlichen Entwicklung orientieren. Stülpe aktuelle Ereignisse darüber, würze es mit ganz viel Angst vor Terror und schon sind Dinge wie Vorratsdatenspeicherung vielleicht (hoffentlich nicht) auch vereinbar mit dem Grundgesetz.

Die Hitze auf den breiten Flächen vor dem Reichstag und dem Kanzleramt haut uns fast um. Sie ist kaum auszuhalten und gibt dem Wort „Politikverdrossenheit“ eine buchstäblich neue Note, denn wir verlassen das Regierungsviertel und wandern an Botschaften vorbei wieder Richtung Brandenburger Tor und Unter den Linden. Das Sandmännchen grüßt uns mit seinen Freunden fröhlich.

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Ein Abstecher in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett macht uns mit den Abbildern politischer und sonstiger prominenter Großen und Kleinen bekannt. Manche sehen dermaßen echt aus, dass einem ein leichter Schauer über den Rücken läuft. Bei „Wowi“ habe ich Angst, dass er mich gleich wirklich an sein großes Herz ziehen will. Vorsichtshalber mache ich einen größeren Bogen um ihn. Vielleicht breitet er aber auch die Arme nur so weit aus, um sie gleich sofort über dem Kopf zusammenschlagen angesichts der Berliner Schulden.

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Apropos Schulden: Unsere Schuldenuhr tickt und tickt und läuft und läuft. Wir waren live dabei. 😉 Schmunzelnd überlege ich ein Sparschwein zu kaufen und um eine milde Gabe zu bitten. Oder gleich einen Einwurfschlitz anzubringen wie beim Parkautomaten. Ob die Uhr dann wohl rückwärts zählt?

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Wir besuchen noch das Holocaust Mahnmal (über das ich in meinem nächsten Post gesondert berichten werde) und winken nochmal dem Reichstag zu. Die Abendsonne taucht das Gebäude in ein brennendes Orange ein, bringt richtig Farbe ins „politische“ Leben. Für heute haben wir unseren Füßen genug zugemutet. 😉 Wir machen uns auf in unser  Hotel.

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