Fründliche Scherereien

Mal wieder eine Buchempfehlung

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„Unter blutrotem Himmel“ von Mark Sullivan

In diesem Jahr jährt sich der Anfang des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal. Viel Zeit ist seitdem vergangen, und vieles von dem Schrecklichen, das er brachte, droht in Vergessenheit zu geraten. Einer eher unbekannten Seite des Nazi-Regimes widmet sich das Buch „Unter blutrotem Himmel“ von Mark Sullivan. Eher unbekannt deshalb, weil die Handlung in Italien und nicht in Deutschland selbst spielt. Mussolini und Hitler als Brüder im Geiste sind zu der Zeit, in der das Buch spielt, längst unter Druck. Die Deutschen sind in Italien Besatzungsmacht, Mussolini selbst hat aber kaum noch Einfluss. Das Land Italien wird von den Deutschen als Nachschublager komplett ausgebeutet, sowohl millitärisch als auch lebensmitteltechnisch. Italienische Männer werden entweder zur italienischen Armee eingezogen und an die Ostfront verpflichtet oder können sich zur deutschen Armee melden und werden innerhalb dieser gnadenlos gegen die eigenen Landsleute eingesetzt. Längst sind die Alliierten dabei, die Faschisten zurückzudrängen. Einige Italiener leisten Widerstand, bringen Juden außer Landes und helfen, wo sie können. Und einer von Ihnen ist Pino Lella, von dessen wahrer Lebensgeschichte das Buch „Unter blutrotem Himmel“ erzählt.

Pino wächst in Mailand auf. Als dort 1943 die ersten Bomben fallen, schickt sein Vater ihn zum Schutz in eine kirchliche Schule in den Alpen, wo er einem gewissen Pater Re hilft jüdische Menschen über gefährliche Pässe in die Schweiz zu begleiten. 1944 wird Pino 18 Jahre alt, und damit zum Dienst im Millitär verpflichtet. Aus Sorge, dass sein Sohn mit der italienischen Armee an die Ostfront und damit in den sicheren Tod muss, rät sein Vater ihm, in die deutsche Armee einzutreten. Pino ist zunächst erbost darüber und widersetzt sich. Doch am Ende fügt er sich dem Wunsch seiner Familie und gerät auf verschiedenen Umwegen an eine Stellung als Fahrer im Dienst eines Generals namens Hans Leyers. Mithilfe dieser Stellung agiert Pino fortan als Spion für die Alliierten und die italienische Widerstandsbewegung. Leyers vertraut ihm vollends. Was Pino auf den Dienstfahrten sieht und erlebt, erschüttert sein jugendliches Weltbild. Hin und her gerissen zwischen seiner Liebe zu einem Dienstmädchen der Geliebten von Leyers und dem gefährlichen Agieren zwischen den „Fronten“ als Spion, erlebt er seinen deutschen Dienstherrn als kalten Ausführer der deutschen Anweisungen, aber auch als Menschen mit teilweise verblüffend klarem Gewissen und berechnender Gewissheit über die Folgen seines Handelns.

Am Ende des Buches ist man erschüttert über die Gräueltaten, die Herzstiche hinterlassen, weil sie so klar und schnörkellos beschrieben sind. Man ist hingerissen von dem Mut des jungen Pino, erschrocken und wütend über die Kaltherzigkeit der ausführenden Mächte. Schwarz und weiß sind nicht so leicht zu trennen. Jeder versucht am Ende nur, sein eigenes Leben zu retten. Nicht alle schaffen es. Pino Lella selbst bezeichnet sich am Ende als Feigling, weil er in einer Schlüsselszene des Buches sein Entsetzen nicht überwinden kann und er bei dem, was ihm am wichtigsten war, nicht rettend eingreifen kann. Für ihn selbst verblassen alle Heldentaten, die er selbst getan hat, vor dieser einen nicht getanen. Man kann kaum glauben, dass es sich bei dem Roman um eine zumindest im Wesentlichen wahre Geschichte handelt. Darum ist sie am Ende berührend, tragisch, traurig (Taschentücher bereithalten!) und mutmachend zugleich. Pino Lella lebt heute hochbetagt im Norden Italiens und hat Mark Sullivan seine Lebensgeschichte erzählt, für die der amerikanische Autor einige Recherchereisen nach Israel, Deutschland und Italien unternommen hat. Eine Verfilmung des Buches ist bereits in Planung.

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