Fründliche Scherereien

Gelesen – an der Nordsee

5 Kommentare

Das kleine beschauliche Dörfchen Horumersiel im Wangerland ist vielleicht nicht der Nabel der Welt aber eine kleine schmucke Perle am ostfriesischen Nordseestrand, nicht nur weil es einige recht gute Lokale dort gibt und die weltbeste Eisdiele 😉 , sondern vor allem eine sehr gut und liebevoll geführte Buchhandlung „Die Bücherinsel“.

Wenn wir im Urlaub sind, habe ich es noch nie geschafft, dort ohne ein Buch aus dem Geschäft zu gehen. Dabei ist es eher ein Bücherlädchen denn ein Laden. Ein kleiner Tisch mit fein ausgesuchten Titeln für jeden Geschmack und jedes Genre, dazu auf einem engen Regal am Fenster allerlei Schmökernswertes aus Ostfriesland, liebevolle originelle Postkarten und vor allem ein interessantes Kinderregal mit feinen Alternativen, die man in einer der Riesen unter den Buchhandelsketten eher gar nicht in die Finger bekommt. Vielleicht ist gerade die fehlende Menge imd dafür die sorgsame  qualitativ hochwertige Auswahl an Büchern das Angenehme in der Bücherinsel. So bleibt der Blick haften auf Werken, die ansonsten dem Urlaubsleser eher nicht so ins Auge fallen würden.

So ging es mir mit dem Buch von Janos Szekely Titel „Verlockung“. Zunächst erstmal habe ich eine große Liebe für ein schönes Outfit. Nun handelt es sich lediglich um ein Taschenbuch  (erschienen im Diogenes Verlag), das auf den ersten Blick gar nicht so dick aussieht. Es entpuppt sich beim Aufblättern allerdings als 992 Seiten starkes Buch, das seine kleine Form nur deshalb wahren kann, weil es auf dünnem Papier gedruckt ist. Dies hatte ich von diesem Taschenbuch nun wahrlich nicht erwartet. Sein Gewicht in der Hand überrascht. Es ist eine Freude, die glatten eleganten Seiten umzublättern. Und ebenso gewichtig wie sein Äußeres und dabei ungemein fesselnd ist auch die Geschichte, die es in sich trägt.

Szekely nimmt uns mit auf eine Reise nach Ungarn in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, wo er uns teilhaben lässt am Leben von Bela, der in der Ich-Form erzählt.

Bela wird als uneheliches Kind geboren und wächst bei einer alten grausamen Frau auf, die Kinder von „gefallenen“ Mädchen bei sich aufnimmt und sich diesen Dienst teuer bezahlen lässt. Je nach Geldeingang werden die Kinder mehr oder weniger schlecht behandelt. Bela durchschaut schon bald, dass niemand ihm hilft und er ganz auf sich allein angewiesen ist. Er vertraut niemanden und nur selten gelingt es Menschen, an sein Herz zu kommen und ihn dazu zu ermuntern, etwas aus seinem Leben zu machen.

Es wird dennoch im Verlauf seines Lebens und der Geschichte immer wieder Menschen geben, die zu Schlüsselfiguren werden und ihn weiterbringen. Doch auf dem Weg nach oben geht es für ihn den sprichwörtlichen Schritt vor und zwei wieder zurück. Die Klassengesellschaft lässt ein Ausbrechen aus den vorgesehenen Schubladen nicht zu.

Dazu rumort es im Land. Die Unterschicht beginnt sich zu wehren, Gedanken von Marx und Lenin kommen auf, werden aber grausamst verfogt und am Horizont wirft auch schon Hitlers Vormarsch seine Schatten voraus.

In diesem Durcheinander kämpfen die einfachen Leute ums Überleben. Persönliche Wünsche und Träume müssen nicht nur hinten anstehen, sondern werden ganz realistisch nie zu erreichen sein. Und doch träumen sie – die Menschen, die in schäbigen Hochhäusern ihre eigenen Betten vermieten und auf dem Boden schlafen, um noch etwas dazu zu verdienen. Auch Bela erlebt große Überraschungen und tiefe Enttäuschungen. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird zum Dauerthema für ihn.

Er entrinnt der grauenhaften Kindheit und geht zu seiner Mutter nach Budapest, wo er eine Stelle als Liftboy in einem Hotel bekommt. Er arbeitet nun dort, wo Adel und Prominenz ein- und ausgehen, macht  Bekanntschaften unter der Oberschicht, die er zu nutzen versucht, gerät dabei an die geheimnisvolle und schöne Gattin einer Excellenz und glaubt, das große Los gezogen zu haben.

Der Roman hat mich zutiefst gerührt, denn das Leben, das Bela führt, wird mit einfachen aber lebendigen Worten geschildert, entbehrt dabei nicht Witz und Situationskomik.  Man folgt seinen Schritten mal atemlos, glücklich hoffend, manchmal auch kopfschüttelnd und hilflos. Es ist unglaublich leicht zu lesen, hat überhaupt keinen Pathos und – der Urlaubsleser sei gewarnt – auch kein hochauflösendes Happy-End. Es endet aber auch nicht komplett hoffnungslos, so viel will ich an dieser Stelle verraten. 😉

Man sagt, Janos Szekely habe der Figur des Bela autobiografische Züge gegeben. Immerhin hat es mich so fasziniert, dass ich nach dem Ende der Geschichte noch ein bißchen zu dem Autor selbst gelesen habe und mich ein wenig mit der Geschichte Ungarns befassen will.

Interessant ist noch, dass die Geschichte von Bela schon sehr alt ist. Die Erstveröffentlichung war 1946 in Amerika, danach in verschiedenen europäischen Ländern unter anderem 1959 in Deutschland und wurde in der jetzigen Ausgabe noch einmal den heutigen Maßstäben entsprechend angepasst.

 

 

 

 

 

 

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5 Kommentare zu “Gelesen – an der Nordsee

  1. Liebe Tanja, danke für den Buchtipp. Diese Bücher von Diogenes sind so schön, ich habe eine ganze Sammlung von ihnen im Bücherregal,einfach weil sie so ansprechend sind. Irgendwann lese ich sie auch nach und nach. Liebe Grüße Eva

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    • Liebe Eva, ich bin halt noch vom alten Schlag. Ich nutze Ipad gern, auch mal Kindle, aber es geht nichts über ein schön gebundenes Buch mit schönen Illustrationen und/oder geprägtem Einband und hochwertigen Seiten. LG Tanja

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  2. Das klingt auf jeden Fall nach einem interessanten Buchtipp – und auch was du über die kleine ostfriesische Buchhandlung und ihre Auswahl geschrieben hast, klingt für mich sehr nachvollziehbar. In der Überfülltheit mancher Läden kann ich oft den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen ;o))

    Ich wünsch dir eine wunderschöne weitere Woche,

    herzliche Sommergrüße, die Traude

    http://rostrose.blogspot.co.at/2016/07/alle-jahre-wieder-o.html

    PS: Ich glaube, in Horumersiel war ich vor ca. 18 Jahren auch! Bei dem Namen hat’s jedenfalls sofort „geklingelt“…

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  3. Hallo liebe Traude, schön dass Du mich wieder einmal besuchst. Ich bin öfter auf Deiner Seite, habe das mit dem Kommentieren bei Dir aber lieder immer noch nicht im Griff. An Horumersiel gefällt mir genau wie an seiner Bücherei, die kleine Verschlafenheit, die es immer noch hat. LG Tanja

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  4. Liebe Tanja, ich liebe Dünndruckausgaben und hätte auch nicht widerstehen können. Danke für den Tipp und herzliche Grüße.

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