Fründliche Scherereien

Harper Lee ist tot

Ein Kommentar

Im Zuge der landläufigen Ausschreitungen und Krakeelereien gegen Menschen anderer Herkunft ist es ein wenig Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Harper Lee, die Autorin des Weltbestsellers „Wer die Nachtigall stört“ vorgestern gestorben ist. Der Rowohlt Verlag hat 2015 eine neu bearbeitete gebundene Ausgabe des Buches herausgegeben, welches ich mir vor ein paar Monaten selbst gekauft habe und welches ich zu meiner Freude letzte Woche auch in unserer Stadtbücherei auf dem Empfehlungstisch fand.

Harper Lees Heldin in dem Buch ist ein kleines achtjähriges Mädchen namens Scout, die in einer fiktiven Kleinstadt im Süden der USA heranwächst und nach und nach den Riss, der durch die Gesellschaft von schwarzer und weißer Bevölkerung geht, kennenlernt. Ihr Vater, ein menschenfreundlicher Anwalt, verteidigt in einem Vergewaltigungsprozess einen schwarzen Landarbeiter, was in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Unerhörtheit ist und was ihm und seinen Kinder den unversöhnlichen Hass mehrerer Stadtbewohner einbringt. Wie sollte es auch anders sein… So war das damals halt….Damals?

Leider hat sich seitdem offensichtlich nicht viel geändert. Tolerant und menschenfreundlich Daherkommen ist einfach, wenn man nicht grad selbst dazu aufgefordert wird. Wenn einen das Elend benachteiligter und verfolgter Menschen aber direkt greifbar ins Auge springt, man dazu aufgerufen ist, zu helfen und sich zu bekennen, sieht die Sache schon anders aus. Dennoch gibt es viele Menschen, die sich trauen, anzupacken, die organisieren, unterstützen, die keine Berührungsängste haben, die Ideen entwickeln und nicht nur am runden Tisch Konzepte herumschieben.

Leider herrscht dieser Tage ein medialer Zeitgeist, der die Verfolger viel stärker ins Rampenlicht rückt als die Solidarischen. Schade und beschämend ist das. Und irritierend! Denn was ist denn nun heute Zeitgeist?  Die Mehrheit? Wer ist die Mehrheit? Die, die am lautesten schreien oder die, die nach demokratischen Werten leben und warum hört man die nicht? Warum werden auch in Politbarometern und Talkshows immer wieder Plattformen für Phrasendrescher geboten, während die, die sich mit der Wirklichkeit und den Menschen auseinandersetzen kaum zu Wort kommen?

Im  Hinblick auf Harper Lee ist noch interessant, dass just in diesen Tagen, wo auch in Amerika wieder die Frage nach der Gleichheit von schwarz und weiß hochkommt, sich ein Roman von der Autorin wiederfand, der zwanzig Jahre nach dem  Roman  „Wer die Nachtigall stört“ spielt und in dem interessanterweise Atticus Finch zum Rassisten mutiert ist und sich sogar dem Klu-Kux-Clan angeschlossen haben soll. Nun hätte man ja diesen Roman „Geh, stelle einen Wächter“ einfach auch nicht! veröffentlichen können. Hat man aber nicht. Der SWR hatte dazu in 2015 eine Berichterstattung, in der es um den „verschollenen“ Roman geht. Der Bericht wirft Fragen und Spekulationen auf, gibt aber keine Antworten. Und nun kann Harper Lee sich nicht mehr wehren und nicht mal erklären, dass es vielleicht auch einfach nur eine (schlechte?) Geschichte war. Man muss auch nicht mehr darein geheimnissen, als unbedingt nötig. Aber von Andeutungen und Geheimnissen lebt die Medienwelt ja recht gut. Allein in Nachrichtensendungen lohnt es sich, mal die Worte „mutmaßlich“, „vermutet“, „es soll sich dabei um…handeln“ zu zählen und dann die Nachricht auf ihren wirklich feststehenden Inhalt zu prüfen.

Ebenfalls irritierend finde ich, dass der Hass auf Flüchtlinge sich in Gesellschaftsgruppen manifestiert, die vor mehr als zwanzig Jahren und auch heute noch selbst Nutznießer von Willkommenskultur und Solidaritätsbeiträgen wurden. Kann das sein, dass ausgerechnet Empfänger von Willkommensgeld und Rentenansprüchen heute die sind, die am lautesten schreien“Ausländer raus“? Mir selbst sind klischeehafte Parolen und aggressive Sätze wie „Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg“, „Die liegen uns nur auf der Tasche“, „Die kriegen hier alles einfach so und wir müssen alles bezahlen“, „Die schicken ihre Männer vor und holen dann einfach! ihre Familien nach“ in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen begegnet; im Kindergarten, in Geschäften und auf Geburtstagsfeiern. Woher kommt die Angst, dass uns einer was wegnimmt? Die meisten von uns haben mehr Schuhe im Schrank, als sie in einer Woche anziehen können, wir können aus hundert Käsesorten auswählen im Supermarkt und gönnen den Flüchtlingen nicht einmal den abgelaufenen Joghurt. Wir gehen in die Eisdiele und haben Angst vor traumatisierten Menschen, die im Schlauchboot das Mittelmehr überqueren und ganz andere Sorgen haben als die nächste Kugel Vanilleeis. Wir leben in Familienverbünden, haben Angst, dass unsere Kultur verloren geht, während Flüchtlingseltern zusehen, wie Schleuser ihre toten Kinder über Bord werfen?!

Auf der Seite „dasnuf.de“ von Patricia Camereta fand ich dazu eine Beschreibung „Ein paar naive Fragen“, die mir sehr ans Herz gegangen ist.

Mit diesen nachdenklichen Worten schicke ich Euch in die neue Woche und wünsche Euch, dass Ihr überall Menschfreundlichkeit und Unvoreingenommenheit begegnet, wenn ihr sie braucht!

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Harper Lee ist tot

  1. Tanja, danke für die Anregung, werde ich mir gleich bestellen. Liebe Grüße Eva

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