Fründliche Scherereien

Kaffee für Normalverbraucher

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Weihnachten ist vorbei. Statt Schnee rieseln leise schon die ersten Nadeln von den Tannenbäumen auf die unter ihnen liegenden Spielsachen, Wäschestücke, Bücher, Kitschpostkarten, Kirschwasserpralinen und Last-Minute-Socken. Vor dem Fernseher liegt der mit Gans und Schokolade gefüllte Weihnachtsbauch, der es durch die doppelt gefühlte Schwerkraft gerade noch bis aufs Sofa geschafft hat.

Nur einige vom Verwandtenbesuch noch nicht ausgelaugte Ehemänner wagen sich noch an die Bedienungsanleitung ihrer liebevoll ausgesuchten Haushaltsgeräte, die ihre bessere Hälfte schon immer mal haben sollte. An einem Abend um circa 23.37 Uhr nimmt Otto Normalverbraucher sich die  Anleitung der neuen Allround-Ein-Tassen-Kaffeemaschine zur Hand und weiht seine Gattin in den Gebrauch des komplizierten Gerätes ein. Die Beschreibung hat es in sich. Aus dem akkurat gefalteten Beipackzettel, der über alle Risiken und Nebenwirkungen detailliert berichtet, wird schnell eine Landkarte aus verschiedenen internationalen Dialekten und Schriften. Irgendwo zwischen Suaheli, Kantonesisch und Schweizerdeutsch verspricht endlich ein deutscher Text höchsten Kaffeegenuss. Es gelte allerdings die zunächst die vorhandenen 10spaltigen Sicherheitsmaßnahmen zu beachten.

Otto prägt sich die Liste mit den Nummern und den dahinterstehenden Begriffen ein: Wasserbehälter, Auffangschale, Tassentablett und verschiedene Nippel mit den Nummern 1 – 15, die bekanntlich alle durch die Lasche müssen. Nach Durcharbeiten von weiteren 20 Spalten ist er an dem Punkt angekommen, an dem die Entnahme der Tasse aus dem Gerät beschrieben wird.

Obacht: Wer glaubt, damit seine Schuldigkeit getan zu haben, irrt. Die Operation Kaffeetasse erfordere liebevolle Nachsorge, wenn Otto auch noch lange Freude an seiner neuen Errungenschaft haben will. Es folgen 10 Spalten Belehrung über den sorgsamen Umgang, an dessen Ende der Kunde noch den wichtigen Hinweis erhält, das Kaffeegerät nicht in die Tiefkühltruhe zu stellen. Ottos Frau fahndet derweil mit der Schere nach ihrem Mann, will ihn freischneiden aus dem Dschungel von Papier und Druckerschwärze. Irgendwo unter einem Berg dünnem raschelndem Bedienungsanleitungspapier wird es Otto zu bunt. Glauben die Verfasser eigentlich, er würde alle seine Küchengeräte in der Gefrierbox stapeln, damit sie schockgefrostet in 200 Jahren den Archäologen ein Abbild unserer Konsumgesellschaft ermöglichen?!

Ärgerlich arbeitet er sich nach oben an die frische Luft zurück, tritt mit dem Fuß die Betriebsanleitung erst zusammen und dann in die Ecke und schreitet zur Tat. Seine Ehefrau begehrt auf. „Otto, du kannst doch nicht einfach….Was steht denn da nun drin?“ Aber Otto hört nicht: Er füllt Wasser in den Behälter und legt das beigefügte Kaffeepad in die einzige kreisrunde Öffnung, die das Gerät dafür bereithält. Mit Mut knallt er eine Tasse direkt unter die Düse, aus der vermutlich das Wasser herauskommt. Sein neu erwachter siebter Sinn rät ihm, noch den Deckel zu schließen. Noch immer ist das Gerät nicht explodiert. Wagemutig drückt er daraufhin den Schalter mit der Aufschrift „Ein.“ Und wartet. Es dampft. Und dann wird das Unmöglichscheinende wahr: Nach ca. 1 Minute hält er eine heiße Tasse Kaffee in der Hand. „Na also, geht doch.“ brummt Otto zufrieden. „Einfach den Verstand einschalten, dann geht’s auch!“

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6 Kommentare zu “Kaffee für Normalverbraucher

  1. Herrlich!!! Wer braucht schon eine Bedienungsanleitung. Mein Mann versucht es immer zuerst ‚ohne‘ – manchmal klappt’s und manchmal nicht!!!! :-))) Einen schönen restlichen 2. Feiertag – und einen erholsamen 3.! LG Martina

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  2. Einfach gut! Mein Mann macht auch immer alles ohne und wenn etwas nicht klappt, sitze ich mit der Gebrauchsanweisung daneben und kommentiere. Meistens klappt es ja!

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    • Manchmal lese ich die Gebrauchsanweisungen auch einfach nur aus Spaß. Wir lesen in anderen Sprachen vor und der jweils andere muss raten, um welche Sprache es sich handelt. Dabei haben wir uns schon oft kringelig gelacht. LG Tanja

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  3. Und wieder habe ich freudig diesen Blogbeitrag gelesen. Du hast es wunderschön formuliert und ich habe Wort für Wort genossen. Ich hasse nämlich Bedienungsanleitungen. Mein Mann ebenso. In unserem Haus werden sie sofort verbannt und nur im äußersten Notfall wieder aus dem Mülleimer hervorgeholt. Dieser ist aber glaube ich noch niemals eingetreten. Irgendwie hat bisher immer also funktioniert und eine Kaffeemaschine ist ja auch keine Mondrakete, also kann man es auch ohne Anleitung wagen.
    Ich wünsche Dir und Deiner Familie einen guten Rutsch und alles Liebe und Gute für 2016!
    Wir lesen uns!
    LG
    Astrid

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    • Also wenn Du die Betriebsanleitung für unsere Senseo damals gelesen hättest, dann wäre Dir die Mondlandung wie ein Kinderspiel vorgekommen. Dir wünsche ich auch einen richtig guten Rutsch ins Neue Jahr und vielleicht erfreut Dein Peter uns ja nächstes Jahr mal wieder mit einer seiner schönen Zeichnungen. Ach ja und mein Professor Konfusi feiert doch bestimmt auch Silvester oder? Was macht der eigentlich so? LG Tanja

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