Fründliche Scherereien

Alles hat seine Zeit

Ein Kommentar

In der letzten Geschichte „Adventsmoment“, die Martina in ihren Blog gestellt hat, stand der Satz: „Niemand suchte den Kontakt zu Menschen, die alt und einsam waren“. Er hat mich traurig und betroffen gemacht. Leider stimmt es. Einsamkeit und Alter sind nicht hoch angesehen in unserer Gesellschaft. Es ist schuldbehaftet, scheint mir. Wer vorzeitig altert, hat nicht die richtige Creme aufgelegt, nicht genug Sport getrieben, sich nicht gesund genug ernährt, nicht die regelmäßigen Check-Ups wahrgenommen. Will man alternden Topmodels glauben, haben sie ihre Schönheit lediglich durch ausreichend Schlaf und Wassertrinken erhalten. Na ja, wer’s glaubt….Und die, die es nicht geschafft haben, die sieht man im Fernsehen nicht mehr. Oder sie haben soviel Make-Up und Hautstraffung auf sich genommen, dass man dem natürlichen Menschen, der ja irgendwo in ihnen und unter der ganzen Maskerade stecken muss, nicht begegnen kann. Vermutlich verwechselt man ihn mit Müllers Lieschen von nebenan. Vielleicht lebe ich ja seit 20 Jahren in direkter Nachbarschaft mit einer berühmten Schauspielerin, die genau wie ich zerstrubbelt und zerwubbelt morgens die Mülltonnen an die Straße schiebt und deren Fingernägel schwarz von Erde sind, weil sie denkbar unglamouröse Aufgaben wie Schachtelhalmziehen erledigt hat. Die Haare werden dann abends vor der Talkshow auf Volumen gebürstet und geklebt, hier noch ein bißchen Kleister, da noch ein wenig Farbe, rechts und links noch ein wenig Öl ins Getriebe und schon läuft Müllers Lieschen zur Hochform auf. Die Gala oder die Bunte lichten Events im Großformat ab, pushen und verschlanken photoshopmäßig an den richtigen Körperstellen und sorgen so für Milliardenauflagen bei Friseuren und Kosmetikern. damit eine ganze Generation Menschen glaubt, mit vierzig höre das öffentliche Leben einer Frau auf. So ist es rein rechnerisch auch kein Wunder, wenn junge Frauen mit Ende zwanzig in die Midlife-Crisis geraten. Wenn man nun noch die durchschnittliche Lebenserwartung von 80 zugrundelegt, kommt man zu dem Ergebnis, dass nach 40 der Rest des Lebens anfängt, also 40 noch verbleibende Jahre mit was? gefüllt werden müssen. Man nennt es Lebenserfahrung, habe ich mal gehört. Ich meine, das was mit 40 anfängt. Klingt nicht so hip, eher so schwermütig, gar nicht so lustig, eher so …uff. Son bißchen staubig und elitär, ein bißchen wie ’ne Ausrede für Leute, die nicht mehr jung aussehen. Oma im AutoAber keine Erfahrung ohne Schrammen im Leben. Wenn man das Glatte leid ist, kann der Blick sich ändern. Her mit den Laufstegen für die „Goldies“! Jeder Oldtimer darf doch auch noch frische Luft schnuppern und wird stolz an schönen Tagen spazierengefahren. Haben wir wirklich mehr Verwendung für alte Autos als für unsere alten Menschen? Ist ein alter Mensch mit den Zeichnungen des Lebens nicht mehr schön? Vielleicht ist er nicht mehr SPRINGlebending, aber er ist doch voller Leben und voller Inhalt, voller Erfahrung und voller Gefühle.

Woraus erhält der Mensch seinen Wert? Aus dem, was er darstellt? Aus dem, was er kann oder hat? Aus dem, was er für ein Unternehmen erwirtschaftet, sein Jahresgehalt? Aus dem, was er geben kann oder aus seinen Begabungen und Fähigkeiten? Aus seiner mentalen oder körperlichen Kraft? Was ist, wenn er nichts mehr zu geben hat? Wenn er krank, schwach und ohne Einkommen im Bett liegt? Wenn er eine Hand braucht, die ihn hält, weil er seine eigene nicht mehr heben kann?

Wie unangenehm sie sind, diese Fragen…. Jetzt vor Weihnachten wollen wir Friede und Freude und Eierkuchen. Wir wollen Licht, Fun, tolle Geschenke, schicke Klamotten. Ja wir wollen auch Zeit füreinander, aber wir planen sie nicht ein. Wir sind stolz darauf, Getriebene zu sein. Und so treiben wir an vielen (auch alten) Menschen vorbei, die unser Tempo nicht mithalten können. Dabei kann es so beruhigend sein, mit seiner Oma am Fenster zu sitzen und zuzuschauen wie der Schnee fällt. Dies empfinden aber wohl vor allem die Kinder so. Ich fand es schon immer spannend, wie in den Körper alter Menschen Leben kommt, sobald ein Kind den Raum betritt. Vielleicht weil Kinder und alte Menschen eines können: Zeit im Jetzt verbringen. Darin haben die „Schwachen“ uns „Roadrunnern“ was voraus. Zeit, sich ein Beispiel zu nehmen!

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Ein Kommentar zu “Alles hat seine Zeit

  1. Hallo Tanja, vor ein paarTagen in einer TV Doku war eine Aussage eines 60 jahrigen Mannes, der darauf hinwies, dass ab 60 und die nachsten 20 Jahre, die schönsten Jahre des Lebens kommen. Man muss nicht mehr in den Job, kann tun und lassen, was man will. Nur gesund muss man bleiben. Ich seh das auch so. Liebe Grüße Eva

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