Fründliche Scherereien

November

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Der November ist ein komischer Monat. Auch wenn schon alles auf Weihnachten gepolt ist oder vielleicht auch gerade darum, ist er ein Monat der Zwiespältigkeit. Die Farben des Oktobers sind verblasst, die Stürme nehmen zu, die Natur scheint sich noch ein wenig gegen den folgenden Winter zu wehren, doch am Ende erschlafft sie und kommt vollends zur Ruhe. Vielleicht gruselt es uns darum vor diesem Monat und wir versuchen mit vorgezogener Weihnachtsbetriebsamkeit diesen Jahresabschnitt zu überspringen oder ggf. zu ignorieren. Und als wäre das nicht schon beklemmend genug, enthält er so „erhebende“ Feiertage wir Volkstrauertag und Totensonntag, die uns nur allzu sehr daran erinnern, dass es eine Endlichkeit im Leben gibt, der wir nicht so gern begegnen. Vor mehr als zehn Jahren habe ich eine Geschichte geschrieben, die wie ich finde, gut zu diesen Gedanken passt. Ich hoffe, sie gefällt Euch auch und ich wünsche Euch gemütliches Nachdenken, zur Ruhe kommen und zu Sich-selbst-finden in diesen Tagen.

 

 

Was der kleine Baum vom Leben lernte

Es war einmal in einem fernen Land. Da stand an einem fröhlichen Bach ein wunderschöner kleiner Baum. Wunderschön. Kein Baum hatte so ebenmäßige Äste. Und seine Mutter, die furchtbar stolz auf ihren Sprößling war, stand nur ein paar Meter weiter und paßte gut auf ihn auf. Sie schützte ihn mit ihrer großen Krone. Sie trug Sorge dafür, dass sich kein großer Vogel auf seine zarten Äste setzte. Sie beschützte ihn, wenn der Wind an ihm reißen wollte, und passte auf, dass die Sonne ihn nicht verbrannte.

Der kleine Baum wuchs und wuchs im Schatten seiner Mutter heran. Es war Frühling. Staunend beobachtete er, was mit ihm geschah. Welche grü-nen Blätter und Blüten er bekam…

Eines Tages kamen ein paar Holzfäller vorbei. Sie stellten sich vor seine Mutter hin und sagten zueinander: „Dieser Baum nimmt dem kleinen Bäumchen das ganze Licht weg. Wir wollen ihn umhauen. Er ist alt, und wird sowieso bald auseinanderbrechen.“ „ Nein, nein!“ schrie der kleine Baum. „ Das könnt ihr nicht tun!“ Aber die Holzfäller verstanden die Sprache der Bäume nicht. Sie gingen ans Werk, und ehe noch irgendjemand etwas dagegen tun konnte, lag Mutter Baum am Boden und wurde auf einem riesengroßen Lastwagen davon gebracht.

Der kleine Baum weinte dicke klebrige Tränen. Sie liefen in schweren Bahnen an seinem kleinen Stamm herunter. Er fühlte sich so einsam und weinte und weinte. Was sollte er jetzt tun? Sollte er nun alleine weiterwachsen?

Der Bach, an dem er stand, sagte eines Tages zu ihm: „Kleiner Baum, Du vergeudest Deine Zeit. Jetzt bist Du schon so groß. Deine Wurzeln reichen tief in die Erde. Es wird Zeit, dass Du Deine Aufgabe in der Welt wahrnimmst.“ „Was für eine Aufgabe!“ heulte der kleine Baum. „Ach was bist Du doch für ein dummer Baum!“ brummte der Bach und machte vor lauter Empörung eine Riesenwelle. „Igitt, mach mich nicht naß!“ schrie der Baum. „ Aber das muß ich machen. Sonst verbrennst Du in der Sonne!“ Sagte der Bach. „Hast Du denn noch nie Regen abbekommen?“

„Regen, was ist das?“ „Ach Du liebe Zeit!“ rief der Bach, „ Du weiß aber auch gar nichts vom Leben, was? Also gut neige Dich zu mir herunter und ich erzähle Dir, was Du wissen mußt“.

„Regen brauchst Du, damit Du nicht verdurstest. Denn sonst kannst du nicht wachsen, keine Blätter und keine Früchte tragen. Wenn Du aber keine Blätter und Früchte trägst, können die Tiere sich nicht ernähren und die Menschen können ohne Deine Blätter nicht atmen.“ erklärte ihm der Bach.

„Oh“ sagte der kleine Baum. „ so wichtig bin ich?“

„Aber ja!“ sagte der Bach. „Außerdem möchten die Vögel so gern in Deiner Krone Nester bauen, um ihre Jungen großzuziehen. Du gibst ihnen Schatten und sie halten Dir dafür das Ungeziefer vom Leib. Sie fressen die Raupen, die an Deinen Blättern nagen und unterhalten Dich mit ihrem Gesang.“

„Darüber muß ich nachdenken!“ sagte der kleine Baum. Er beobachtete die Vögel, die tatsächlich jetzt, da er größer wurde, ihre Nester bauten. Zuerst war er ein bißchen mißtrauisch, ob das alles so seine Richtigkeit hatte. Aber nach und nach erkannte er, dass alles was der Bach gesagt hatte, stimmte. Nicht nur die Vögel suchten in seinen Zweigen Schutz. Auch viele Tiere und Menschen kamen, legten sich in seinen Schatten, um vor der Sonne Schutz zu suchen und stellten sich unter seine Blätter, wenn es regnete.

So langsam bekam er Freude an seinem Leben. „Ach Mutter,“ dachte er wehmütig,“ wenn Du mich sehen könntest!“ Als es Herbst wurde, geschah etwas Überraschendes mit ihm. Seine Blätter wurden bunt. Er bekam ein wunderschönes Blätterkleid.

„Du Bach, hör mal!“ sagte der Baum. „Ist das normal, dass ich so aussehe?“ „Aber sicher!“ sagte der Bach. „Das kommt, weil es Herbst geworden ist. Alle Bäume kriegen jetzt so bunte Blätter! Die Menschen finden sie dann besonders schön.“ Stolz reckte der kleine Baum seine Zweige in die Sonne. Wie er schimmerte und glänzte. Was für ein schönes Leben.

Es dauerte nicht lange, da kam ein starker Wind auf. Er riss an den Ästen und Zweigen und wollte die bunten Blätter mitnehmen. „Halt“ brüllte der kleine Baum. „Das kannst Du doch nicht machen. Überhaupt, wer bist Du eigentlich?“ „Ich bin der Herbststurm und ich werde jeden Tag stärker und stärker. Ich nehme die Blätter mit und spiele mit ihnen in der Luft.“ sagte der Sturm. „Das macht mir Spaß.“ „Mir aber nicht!“ sagte der Baum und beugte sich mit aller Kraft. Aber es half nichts. Der Sturm war stärker als er. „Bach!“ schrie der kleine Baum. „Hilf mir doch!“. „Ich kann nicht“ brüllte der Bach. „Ich habe selbst genug zu tun, das viele Wasser in der Bahn zu halten.“ In der nächsten Nacht heulte und blies der Sturm so stark, dass der kleine Baum dachte, das Ende sei nah. Seine Wurzeln krallten sich tief in die Erde. Und am nächsten Morgen waren alle seine schönen Blätter weggeflogen. Und kalt war es geworden. Der kleine Baum zitterte. Aber der Wind war fort. Der Himmel war in ein eigentümliches Grau-Blau getaucht. Und es wurde kälter und kälter.

„Bach“ fragte der kleine Baum in die Stille. “Bist Du noch da?“ „Ja,“ sagte der Bach. „Aber es ist so kalt, ich glaube wir haben schon Winter.“ „Winter!“ dachte der kleine Baum. „Davon hatte er schon einmal gehört.“ Aber natürlich. Als die Vögel ihre Nester verließen, sagten sie zu ihm, dass sie in den Süden fliegen wollten, um dort über den Winter zu kommen. Es lag so eine geheimnisvolle Stille über dem Land. Andächtig lauschte der Baum. Das fröhliche Blühen des Frühlings war dahin, das geschäftige Treiben des Sommers auch, das Getöse des Herbstes war verklungen und eine heilige Ruhe hatte sich ausgebreitet. Das Land lag unter einer weißen Decke und der Himmel schien zum Greifen nah. Ein feiner weißer Pelz lag auf seinen Ästen. „Bach!“ flüsterte der kleine Baum in die Stille, „ kannst Du mich hören?“ „Ja“, flüsterte der Bach“, aber es ist Zeit, schlafen zu gehen. Heute nacht hat der Winter Einzug gehalten und uns seinen Schlafanzug angezogen. Schau, mir ist eine Haut von Eis gewachsen. Und nun schlafe ich, bis der Frühling mich wieder weckt! Und das solltest Du auch tun!“ „Schlafen! Ist das nicht gefährlich?“ fragte der Baum. „Nein, es ist wunderschön. Du kommst zur Ruhe, Du tankst neue Kraft. Das ist lebenswichtig!“ wisperte der Bach. „Weckt mich der Frühling denn auch bestimmt?“ Der kleine Baum wollte es ganz genau wissen. „Ganz bestimmt!“ versicherte der Bach. „Und wirst Du auch da sein, wenn ich wieder aufwache?“ „Ganz bestimmt.“ Sagte der Bach. „Du bist ein guter Freund!“ flüsterte der kleine Baum, kuschelte sich in seinen weißen Pelz und schloss seine Augen und träumte.

c/o Tanja Fründ

 

 

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7 Kommentare zu “November

  1. Die Geschichte ist fantastisch, Tanja! Einfach nur großartig!!! ALLE Eltern (und auch Großeltern) sollten sie lesen. Wir sind immer bemüht um unsere Kinder und ‚übermuttern‘ sie. So können sie sich nicht entfalten, so lernen sie nicht viel vom Leben! Natürlich meinen wir es gut – genau wie der Baum in deiner Geschichte. Doch eines Tages werden sie den Herbststürmen ausgesetzt sein und dann müssen sie fest verwurzelt stehen. Ich bin wirklich total begeistert! Ganz, ganz großartige Geschichte! LG Martina

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    • HI Martina, da freue ich mich aber über dein Lob. Vor allem, weil ich die Geschichte vor mehrh als zehn Jahren schon geschrieben habe und sie seitdem im stillen Schublädchen vor sich hin schlummerte. Heute habe ich sie wiedergefunden. LG Tanja

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  2. Welch eine zauberhafte Geschichte! Danke dafür!
    LG
    Inge

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  3. Ach, was für eine herrliche Geschichte. Man hat den Baum so richtig lieb gewonnen beim Lesen und freut sich schon darauf, wenn er im Frühjahr wieder erwacht und seine Blätter grünen lässt. Auch Kinder mögen die Baumgeschichte sicherlich sehr gerne, in der Du Lehrreiches wundervoll verpackt hast.
    Deine Geschichte passt auch gut zu meiner Geschichte über einen Baum, die ich neulich geschrieben habe. Während Du den Jahreslauf beschrieben hast, habe ich ein ganzes Baumleben erzählt.
    LG
    Astrid

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  4. Liebe Astrid, wie ich schon zu Martina sagte, die Geschichte ist schon alt, aber ich komme im MOment so selten zum Schreiben, dass ich mich gefreut habe, sie wiederzuentdecken. Schön, dass Ihr sie mir mir Teilt. Liebe Grüße Tanja

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  5. Liebe Tanja, wunderschön Deine Geschichte, da passt auch ein Buch, was ich gerade lese „Das geheime Leben der Bäume“. Da wird beschrieben, wie die Bäume untereinander kommunizieren und wie sie im Verbund leben. Sehr aufschlussreich. Liebe Grüße Eva

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