Fründliche Scherereien

Berlin (6) Schienenersatzverkehr

6 Kommentare

Als wir das letzte Mal (2004) in Berlin waren, bot eine Freundin an, uns einen Tag Berlin zu zeigen. Wir trafen uns mit ihr in einem Cafe in Friedrichshain und starteten dort eine Tour zu Fuß. Ach was sag ich, einen Run starteten wir. Gerannt sind wir; holla die Waldfee, zu Fuß auf dem Weg zur U-Bahn, durch die U-Bahn-Station, in die U-Bahn, raus aus der U-Bahn alles im straighten Laufschritt wie die meisten einheimischen und arbeitenden Berliner auch. Da war nix mit tourimäßigem Schlendrian in Flip-Flops.

Von der Oberbaum Brücke durch Kreuzberg vorbei an spacigen Hochhaussiedlungen und irgendwie sind wir dann auch im Museum für Post- und Telekommunikation gelandet. Einer der Roboter aus dem Foyer kam mit leisem Surren auf mich zugefahren und sprach mich direkt an. Nach einer kurzen Herzattacke wandte ich die Hundetaktik an, die ich auch immer beim Walken zu  Hause praktiziere. Selbstbewusst weitergehen  und möglichst unbeteiligt gucken, auf keinen Fall in die Augen. Der Roboter ging dann tatsächlich wieder zu seinen Gefährten und hat auch gar nicht gebissen.

Dann aber wieder los, denn wir wollten ja was sehen von Berlin. Wir walkten stramm vorbei am Jüdischen Museumdie Friedrichstraße hinunter. Am Checkpoint Charlie überrannten wir nebenbei einen Flohmarkt für altes Militärgedöns, der mitten auf dem Weg lag. Dann los wieder zur S-Bahn, die leider gerade ausfiel und rein in den „Schienenersatzverkehr“. Längst schon hatten wir uns auf Gedeih und Verderb meiner ortskundigen Freundin ausgeliefert. Wir folgten somit auf’s Wort. Wir sind in einen Bus gestiegen voller Vertrauen, dass es sich dabei um den richtigen handelte. Für Landeier wie uns eine echte Herausforderung. Aus dem stiegen wir irgendwann irgendwo wieder aus, nur um festzustellen, dass „Ach-Du-Schande“ die nächste anvisierte S-Bahn auch nicht fuhr. Kurzes Achselzucken und schneller Blick unserer Reiseführerin auf ihren kleinen gefalteten Mini-Stadtplan und die nächste Anzeigetafel verrieten ihr, dass wir noch einmal den Weg zurück durch die Unterwelten der Verkehrsbetriebe auf die andere Seite der Station machen mussten. Wer Berliner Bahnhöfe kennt, weiß, wovon ich rede. Von da ab ginge dann der Bus. Meine Freundin fragte uns, wo wir denn als nächstes hinwollten. „Egal. Was trinken…!“ keuchten wir. Vor meinem geistigen Auge entstand die Vision eines Liegestuhls in bester Schattenlage an der Spree. Doch von dort waren wir mind. noch eine halbe Stunde Bahnfahrt entfernt. Also wieder losrennen, natürlich auf den Rolltreppen links vorbei und wieder Schienenersatzverkehr suchen. Meine Freundin rief: „Der da. Det isser. Da müssen wa rin.“ Wir stürmten den angezeigten Bus, der auch sofort losfuhr. An diesem Tag waren wir zu Fuß die schnellsten Touristen, die Berlin je gesehen hat, quasi die „Roadrunner from Berlin.“ Wäre damals Geo-Cashing schon so richtig Trend gewesen: Wir hätten unter den „Cashern des Schienenersatzverkehrs“ den ersten Preis gemacht. Denn das „Cashen“ eines Busses im vorgenannten System ist auch nicht anders als das Finden einer Mini-Filmdose im Unterholz einer Kuhweide.

Meine Freundin war bester Laune und erklärte uns während der Busfahrt nebenbei die Stadtansichten, während wir auf erhöhten Sitzen über dem Rad durch die Stadt geschaukelt wurden. Der überfüllte und überhitzte „Schienenersatzverkehrsbus“ spuckte uns am Potsdamer Platz wieder aus. Es ging auf den Abend zu. Meine Freundin verabschiedete sich mit lockerem hippen Gang von ihrer Trantüten-Touristen-Truppe, die sich hechelnd in den nächsten Flechtstuhl eines Cafés fallenließ und dort für den Rest des Abends einige hochprozentige Drinks zu sich nahm. Liebe Freundin, wenn Du Dich wiedererkennst in diesem Post, wir haben wirklich das lebendigste Berlin aller Zeiten an diesem Tag erlebt und ich bin dir heute noch dankbar dafür. Aber das Wort Schienenersatzverkehr löst seitdem Panikattacken bei mir aus. 😉

Übrigens gab es vor zehn Jahren noch keine App zur Analyse von Schrittmengen, die man in Hochhausetagen umrechnen konnte. Interessant wäre es gewesen zu erfahren, wieviel Kilometer wir allein für die Suche nach Verkehrsmitteln verbraucht hatten, wieviel Adrenalin dabei ausgeschüttet wurde und ob sich unsere Lebenszeit nicht allein aufgrund dessen erheblich verkürzt hatte.

Am nächsten Tag haben wir uns übrigens in der Schlange zur Ausstellung des MomA New York, das zu der Zeit gerade in Berlin war, angestellt. Im Rahmen dieser 1,5 Stunden währenden Steh-Sitz-Vorwärts-Parade zogen wir einen Klapphocker hinter uns her, auf dem wir abwechselnd Platz nahmen. Dabei lasen wir Bücher und streckten, während wir warteten, die dicken Füße in die Sonne. Mal nachdenken, was wir anstatt der Warterei vor dieser Ausstellung in Berlin alles noch hätten machen können….

 

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6 Kommentare zu “Berlin (6) Schienenersatzverkehr

  1. Liebe Tanja,
    ich mag einfach Deine amüsante Art auch etwas lästige Dinge zu beschreiben. Berlin kann schon ganz schön anstrengend sein, zumindest für Nicht-Berliner. Mir persönlich ist diese Stadt sowieso zu groß und zu unübersichtlich, – jedenfalls für mich. Trotzdem bin ich immer gerne dabei, wenn es heißt: „Auf los, wir fahren nach Berlin!“ Und am Abend tun mir die Füße jedesmal höllisch weh, aber es war trotzdem irgendwie schön und man hat wieder neue Eindrücke bekommen.
    LG
    Astrid

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    • Hallo Astrid, ich habe nicht gleich geantwortet, weil wir ein paar Tage bei Freunden waren. Diesmal war es das genaue Gegenteil von Berlin. Schlewig-Holstein (ländlicher geht es kaum), aber wunderschöne Gegend in der Nähe der Ostsee. Pferde, erntereife Felder, blauber Himmel, reetgedeckte Häuser wie auf den Postkarten. Jetzt sind wir wieder gern zu Hause und genießen unseren Garten. LG Tanja

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  2. Hallo Tanja, mir geht es wie Astrid! Deinen Stil zu schreiben und Dinge zu beschreiben, mag ich sehr! Deshalb war ich wieder gerne mit dir auf Reisen durch Berlin. Gerade gestern waren Freunde zu Besuch, die über die Pfingsttage in Berlin waren. Sie erzählten auch, dass sie völlig platt wieder nach Hause gefahren sind. Mir persönlich gefällt es in einer Großstadt nicht. Ich bin und bleibe eben ein Landei. Da kannste nichts machen – und diese vielen S- und U-Bahn-Verbindungen, die bringen mich völlig durcheinander!!! Einen schönen Sonntag! Martina

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    • Liebe Martina, was ist das denn? WArum muss ich deine Kommentare wieder genehmigen? Ich glaube, ich muss meine WordPress-Seite mal wieder unter die Lupe nehmen. 😉 Ja Berlin ist schon eine Reise wert, aber ich weiß unser plattes Land auch wieder zu schätzen, wenn ich dort ein paar Tage war. Landei bleibt Landei. LG Tanja

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  3. Hallo Tanja,
    so lieb und interessant deine Freundin auch sein mag, ich glaube nicht, dass ich mir mit ihr gern Berlin ansehen würde. Wir erkunden die meisten Städte, die wir besuchen, ebenfalls viel zu Fuß oder manchmal auch mit Hop-on-Hop-off-Bussen, um uns vorab zu orientieren, und so richtig „schlendrig“ sind wir da nicht unterwegs, aber in sooo einem Eilzugstempo kriegt man von der Stadt ja gar nix mit. Und Schienenersatzverkehr mag ich genau so wenig wie du – den kenne ich nur von meiner Ex-Heimatstadt Wien, und oft ist der so gut versteckt (keine Infotafeln, keine Verkehrsbetriebe-Mitarbeiter, die einem weiterhelfen), dass man letztendlich lieber zu Fuß geht als den Bus sucht…
    Aber Spaziergänge sind ja gesund, auch die schnellen – also hast du die Sache mit den Adrenalinausschüttungen im Zusammenhang mit deiner Lebenserwartung sicherlich ausgeglichen!
    Liebe Rostrosengrüße von der Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2015/07/rdl-7-uber-happy-music.html

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    • HI HI liebe Traude, meine Freundin ist zu Fuß einfach auch viel fitter als ich. Das muss an dieser Stelle mal gesagt werden. Wir Landeier fahren ja viel mit dem Auto, sodass wir den „Stadtflitzern“ einfach nicht mithalten können. 😉 😉 Sie hat uns einige sehr interessante Dinge erzählt und das Gerenne hing tatsächlich vor allem mit diesem Schienenersatzverkehr zusammen. Ich war damals sehr beeindruckt, wie schnell sie sich mit den Fahrplanänderungen arrangieren konnte und wie fix sie wusste, wann wir wo zu sein hatten. Das ist ja jetzt auch schon ein paar Jahre her und ich hatte ein Zurückerinnern eigentlich erst in dem Moment, als das Wort Schienenersatzverkehr irgendwo auftauchte. Das ist echt schon ne Nummer für sich. LG Tanja

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