Fründliche Scherereien

MK 626

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Franz war in Eile. Eben erst aufgestanden, war er schon im Begriff den Bus zu verpassen. Atemlos quetschte er sich noch durch die Tür, kurz bevor sie zuging. Der Busfahrer sah ihn kopfschüttelnd an. Draußen hatte es geregnet und Franz hinterließ mit seinem Regenschirm eine nasse Spur auf dem Fußboden des Linienbus MK 626. Er ließ im Anfahren seinen Blick umherschweifen. Ein paar Schulkinder lümmelten sich auf der letzten Bank, zwei Rentner, die säuerlich aus dem Fenster schauten, drehten ihre Köpfe kurz zu ihm und schauten dann wieder starr vor sich hin. Franz balancierte vorwärts, den nächsten freien Platz fest im Blick. Da sah er sie. Ein Engel.

Zumindest war sie äußerlich so, wie er sich die Frau seines Lebens vorstellte. Sie verfügte über schlanke, wohlgeformte Beine unter einem Rock, der eine Spur zu hoch gerutscht war. Ihre langen schmalen Finger strichen durch dunkel schimmerndes Haar, das einen angenehmen Duft verströmte. Ihre Figur ließ keine Wünsche offen und ihr Gesicht war von madonnenhafter Schönheit und Klarheit. Was machte eine solches Geschöpf in diesem 08/15-Stadtbus? So ein Engel fuhr doch normalerweise im Sommer im Cabrio locker auf der Überholspur mit einem flatternden Tuch angetan und einer koketten Sonnenbrille auf der Nase.

Doch der Traum vom nonchalanten Rendevouz platzte. In einer scharfen LInkskurve kam er vom Kurs ab und fiel auf den Sitz direkt neben seine Traumfrau. Noch bevor er ein „Guten Morgen…und Entschuldigung…“ zusammenstammeln konnte, hatte er sie bereits mit seiner Tasche angerempelt und mit seinen nassen Schuhen aus Versehen getreten. Zu allem Überfluss war auch noch sein Handy unter ihren Sitz gerutscht und hing, da sie sich auf einem erhöhten Sitz über dem Vorderrad befanden, absturzbereit über der Kante, bereit unter dem nächsten Sitz sein elektronisches Leben auszuhauchen.

Das musste unbedingt verhindert werden. Traumfrau hin oder her. Franz rutschte vom Sitz herunter, während die Dame neben ihm erschrocken die Pumps hochzog. Aus den Augenwinkeln nahm Franz noch die spitzen Absätze war. Dann war er mit Unterstützung des Busses, der just in diesem Moment eine Vollbremsung machen musste, mit dem Kopf nach vorn unter den Sitz vor ihm gerutscht. Da klemmte er nun wie ein Hering in der Dose, hatte sein Handy in der Hand, und war nicht in der Lage sich aus seiner misslichen Lage zu befreien. Sein Kopf klemmte zwischen seinen Knien, seine Augen konnten rechts neben ihm die Absätze sehen, die sich wie zwei spitze Pfeile in den Tepprich bohrten. Links neben ihm klebte auf Augenhöhe ein Kaugummi am Boden. Sein Hintern ragte in die Luft, wie bei einem Gärtner auf Schneckensuche und eine gar nicht so traumhafte Stimme herrschte ihn an: „Nun kommen Sie schon endlich wieder hoch, sie Idiot!“ „Kann nicht!“ quetschte er hohl heraus. Seine eigene Stimme kam ihm fremd vor. „Wie… was wollen Sie damit sagen?“ keifte die Stimme über ihm. „Gehen Sie endlich an meinen Beinen weg.“ Die Pumps bohrten sich unheilvoll tiefer in den Teppich. „Ich muss hier gleich aussteigen.“ Der Bus ruckte wieder an. Ein paar Achtklässler gaben coole Kommentare von sich oder schlugen ihm mit der Hand aufmunternd auf den Rücken. Franz überlief es heißkalt. Er versuchte noch einmal den Kopf zu befreien. Sinnlos.

Mitterweile befanden sie sich nicht mehr auf ebener Fahrbahn sondern ratterten bergab über ein Kopfsteinpflaster.  Die Frau mit den Pumps hatte beschlossen, sich des unglücklich Verklemmten nun doch anzunehmen und zog ihn an seinem Gürtel hoch, als ob es kein Morgen gäbe. Leider machte sie die Situation dadurch nur schlimmer. Und als sie ihre Haltestelle zum Ausstieg verpasste, ergab sie sich in ihr Schicksal und fing an, ein Gespräch mit dem Rentner zu führen, der schräg rechts von ihr saß. Ab und zu tröstete sie Franz damit, dass der Bus bestimmt gleich halten würde und der Busfahrer, der unbeirrt seine Fahrt fortsetzte, dann auch Hilfe holen würde. Unterdessen müsse er sich gedulden und möglichst nicht verkrampfen, das gäbe am Ende noch schwere Nackenschmerzen. Sie riet ihm, möglichst geschmeidig jede Bewegung des Busses mitzumachen, um einen Genickbruch zu entgehen. Während sie ihn so aufmunterte, parlierte sie mit dem Rentner über Reisen und das Wetter, telefonierte mit ihrer Mutter und ihrem Vermögensberater und manikürte sich die Fingernägel, wie er mit einem schiefen Blick nach oben ansatzweise feststellen konnte.

Endlich hielt der Bus. Besorgte Fahrgäste beugten sich über Franz, riefen nach dem Busfahrer, der nun auch endlich den Ort des Geschehens musterte. „Na dann woll’n wir mal.“ Mit einem gekonnten Griff drückte er Franz Kopf nach unten, um ihn dann mit einer geschmeidigen Drehung unter dem Vordersitz wegzuziehen. Franz atmete auf. Sein Rücken knackte. Er stand auf und seine Traumfrau stöckelte entnervt zu einem Platz weiter hinten. Sie telefonierte schon wieder. „Georg, stell Dir vor. Da war so ein Idiot….“ Er hörte noch wie sie sagte:“….völlig falsche Station…komme später….Taxi..“ Der Busfahrer grinste, schlug ihm auf die Schulter und setzte sich wieder auf den Fahrersitz. Die Bustüren machten das übliche Klick-Schnauf, um die nächsten Fahrgäste einzulassen. Noch während er seine Knochen sortierte, fuhr der Bus an und drückte Franz zurück in den Sitz. „Entschuldigung, ist der Platz noch frei?“

Eine junge Frau mit Turnschuhen und Pferdeschwanz, auf dem Rücken einen riesigen Backpacker-Rucksack sprach ihn an. Franz schaute auf und in die schönsten graublauen Augen, die er je gesehen hatte. Station um Station saßen sie da, erzählten sich ihr Leben, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätten. Sie verpassten einen Ausstieg nach dem anderen.

Ein paar Jahre später wurde in der Presse bekannt, die Busverbindung MK 626 werde eingestellt. Mit blaugrauen Augen musterte sie Franz liebevoll über den Rand der Zeitung hinweg, während sie die kleine Randnotiz vorlas. Franz lächelte zurück. „Schade eigentlich!“ sagte er. „War die beste Linie, die ich je gefahren bin.“

© Tanja Fründ, 2015

 

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2 Kommentare zu “MK 626

  1. Danke für die wirklich schöne Geschichte. Ich habe sie sozusagen als Gute-Nacht-Geschichte gelesen. Mal sehen, ob ich im Schlaf die Fortsetzung Deiner Geschichte träume 😉
    LG
    Astrid

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    • Hallo Astrid, schön, dass Dir die Geschichte gefallen hat. Es war mein erster Versuch in dieser Richtung. Jedenfalls öffentlich. 😉 Im Moment experimentiere ich mit verschiedenen Textformen herum. Ich weiß noch nicht, was mir am besten liegt. Ich weiß zwar, dass es ein kleiner Stilbruch war zu den anderen Texten, die ich verfasst habe. Aber mal schauen, was mir noch so einfällt. Vielleicht muss ich meinen Blog noch einmal anders gestalten. Leider habe ich nicht immer die Zeit, ihn so weiterzuentwickeln, wie ich das gern möchte. Liebe Grüße Tanja

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