Fründliche Scherereien

Was ist Glück?

Ein Kommentar

Pearl S. Buck hat einmal gesagt:

„Wenn Menschen Glück kaufen könnten,

würden sie es bestimmt eine Nummer zu groß wählen.“

Der Name Pearl S. Buck begegnete mir zum ersten Mal in der alten Backsteinkirche St. Nikolai in Wismar. In einer Seitenkapelle hatte die Kirchengemeinde eine Bücherei eingerichtet. Für eine kleine Spende konnte man sich Bücher mitnehmen. Diese waren zumeist abgegriffen. Einige alte Ausgaben in schönen Einbänden verströmten den staubigen Geruch von mindestens 60 – 70 Jahren und hatten dazu noch die Feuchte der Backsteinkirche angenommen. Die meisten Werke interessierten mich nicht im Geringsten. Doch die Größe der Sammlung mit alten Wälzern, die keiner mehr haben will, faszinierte mich trotzdem. Soviele Bücher und Geschichten, die aus verschiedensten Gründen geschrieben wurden und aus ebensovielen Gründen entsorgt. Ratgeber und Rezeptbücher aus den 70ern, Knigge-Bücher aus den 60ern, altdeutsche Schriften, viele Konsaliks, Fachbücher, Gesetzestexte, Bildbände usw. Skurriles, Abartiges, Überholtes…Ich ließ mir Zeit. Ein Orgelstück erfüllte den Innenraum, einige andere Touristen gingen in den Gängen auf und ab. Es entstand eine Atmosphäre von eigentümlicher Spannung zwischen gestern und heute. Wer schon einmal eine dieser alten Backsteinkirchen in Mecklenburg-Vorpommern besucht hat, weiß, dass das schon etwas Besonderes ist und sich in seiner Schlichtheit sehr von der Präsenz goldüberladener süddeutscher Kirchen unterscheidet. Bald kletterte ich auf den Hocker, um auch einige der oberen Regale in Augenschein zu nehmen. Es war ein unscheinbares Taschenbuch, doch der Titel sprang mir ins Auge. „Die gute Erde“ geschrieben im Jahr 1931 von Pearl S. Buck, die später den Nobelpreis für Literatur bekam. Allein diese Tatsache schreckt mich bei einem Buch normalerweise schon ab. Ich frage mich immer, ob ich überhaupt intelligent genug sein würde, so ein Buch zu verstehen, geschweige denn es überhaupt bis zum Ende duchzuhalten. Doch ich war im Urlaub und konnte mir mal Zeit dafür nehmen. Außerdem schien es nicht lang zu sein. Die Schrift war normal gesetzt und der Titel sprach mich an. „Die gute Erde“. Eine kurze Inhaltsangabe entnehme ich Wikipedia:

Die gute Erde (englischer Originaltitel: The Good Earth) ist ein Roman von Pearl S. Buck. Das Buch, das 1931 erstmals erschien, wurde 1932 mit dem Pulitzer-Preis und 1935 mit der William Dean Howells Medaille ausgezeichnet. Die gute Erde ist der erste Teil einer Roman-Trilogie, zu der auch die Bücher Söhne und Das geteilte Haus gehören.

Handlung

Buck zeichnet die Lebensgeschichte des Wang Lung von seiner Hochzeit bis zum Tode nach. Er lebt mit seinem alten Vater als Bauer vom Ertrag eines kleinen Stück Landes und kann sich daher nur die hässliche O-lan, die der angesehenen städtischen Familie der Hwang als Sklavin dient, als Ehefrau leisten. O-lan erweist sich als tüchtige Arbeiterin und gebiert ihm zwei Söhne und eine Tochter. Durch einen glücklichen Umstand kann Wang Lung gutes Land von der Familie Hwang dazukaufen, doch die Hungersnot, die infolge der Dürre ausbricht, trifft auch ihn. Die völlig abgezehrte Familie entschließt sich, nach Süden zu gehen; Wang Lung verkauft, um die Reise zu finanzieren, auf Anraten seiner Frau Möbel und Gerätschaften, nicht jedoch sein Land. Während seine Frau und die beiden Söhne in der Stadt im Süden betteln, verdingt er sich als Rikscha-Fahrer und erfährt so vom Leben der wohlhabenden Chinesen und der dort lebenden Weißen.  An eine Rückkehr in die Heimat ist wegen des geringen Einkommens nicht zu denken, bis Wang Lung und O-lan sich bei Revolutionswirren an der Plünderung des Hauses einer reichen Familie beteiligen und viel Geld sowie Schmuck erbeuten. Damit können sie nicht nur zurückkehren, sondern auch im großen Stil weiteres Land von der Familie Hwang kaufen.

Wang Lung steigt zum Großgrundbesitzer auf, der sein Land nicht mehr allein bewirtschaften kann. Während seine beiden älteren Söhne die Schule besuchen, als »Gelehrter« bzw. Kaufmann tätig sind und heiraten, hat er seinen jüngsten Sohn als Nachfolger vorgesehen. Dieser weigert sich jedoch, Bauer bzw. Grundbesitzer zu werden, und schließt sich den Revolutionären an. Auf Betreiben des ältesten Sohnes zieht die Familie in die Stadt und übernimmt das Haus der verarmten Familie Hwang. Wang Lung, der noch eine späte Liebe mit einer Sklavin erlebt, sieht weiterhin »die gute Erde«, also sein Land, als Fundament seines Reichtums an, doch die beiden ältesten Söhne planen den Grund nach seinem Tod zu verkaufen.

Eigentlich sind Romane über China gar nicht so mein Ding. Und dennoch hatte ich nach dem Lesen ein bißchen mehr verstanden über dieses Land, das so einen kometenhaften Aufstieg hingelegt hat in den letzten 25 Jahren. Wenn man etwas wissen will über das, was die Herzen dieser Menschen bewegt, muss man sich einfach mal die Mühe machen, in ihre Vergangenheit einzutauchen. Das Denken ist soviel anders als bei uns. Und dann kommt unweigerlich auch die Frage nach dem Glück auf. Unterschiedliche Nationen mit unterschiedlichsten kulturellen Wurzeln definieren auch das Glück sehr anders. Glück haben muss nicht unbedingt glücklich machen. Nicht jeder der im Leben Glück hat, ist auch zufrieden. Wenn ich meine Oma fragte, ob sie glücklich gewesen sei, in ihrem Leben, dann zuckte sie oft die Schultern. Als Angehörige der Kriegsgeneration sagte sie dann: „Wir waren ja froh, wenn wir was zu essen hatten und die Bomben nicht einschlugen.“ Was macht einen Menschen glücklich? Die Romanfigur Wang Lung ist glücklich, wenn er seine Erde in den Fingern reibt. Er weißt, welchem Umstand er sein materielles Glück verdankt. Aber ist er wirklich glücklich, so wie wir es verstehen? Kann jemand, der  vor dem Nichts steht, überhaupt noch einen Gedanken an Glücksgefühle verschwenden?  Wieviel Glück kann man sich kaufen und was wird man mit Geld nie erreichen? Was muss man dafür opfern? Manchmal sind es nur Grundsätze, manchmal sind es Menschenleben? Und ist es dann noch die Suche nach Glück oder einfach nur das Streben nach Macht?  Ist Arroganz und Macht dieses zu großgeratene Glück, wie Pearl S. Buck sinnierte?

Mich hat das Buch „Die gute Erde“, obwohl es schon so alt ist, fasziniert. Es brachte mir zunächst eine Kultur näher, die ich vorher nicht mal ansatzweise verstanden hatte. Aber es hielt mir auch einen Spiegel vor. Nichts ist so flüchtig wie Glück. Das erlebt auch die Romanfigur, die für ein abgesichertes Leben schwer arbeiten muss. Die nachfolgende Generation versteht Wang Lung nicht mehr.

Das Buch ist in einer Sprache geschrieben, die man auch heute noch gut lesen kann. Natürlich ist es nichts für Menschen, die Spannung und Action brauchen, sondern mehr für Leser, die in Familien, Kultur und ihre Geschichten eintauchen mögen. Für mich ist es darüber hinaus auch eine Erinnerung an eine Zeit mit Muße und Ruhe, die es mir ermöglichte, mal etwas zu lesen, das mit dem herkömlichen Mainstream so gar nichts zu tun hatte. Das ist auch eine Form von Glück. Für mich zumindest.

 

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Ein Kommentar zu “Was ist Glück?

  1. Hallo Tanja, interessant deine Ausführungen. Es gibt so schöne Bücher, ich glaube man benötigt mehrere Leben, um die schönsten lesen zu können. Liebe Grüße Eva

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