Fründliche Scherereien

Das große unendliche Nichts

2 Kommentare

Eben hat eine Bekannte meine Kinder abgeholt. Sie will mit ihnen mal wieder einen Nachmittag verbringen. Das kommt mir nicht ungelegen. Schließlich wartet noch Hausarbeit auf mich. Die Tür fällt hinter den dreien zu und ich denke noch: „Oh bevor Du hier was machen kannst, musst Du aber erstmal aufräumen.“ Zack. Mit pflichtschuldigem Gewissen räume ich die Kinderspielsachen in zwei Minuten weg und ärgere mich, dass ich für mich selbst nicht einen flotten Spruch auf den Lippen habe, so à la:“Das stört doch keinen großen Geist!“ Leider bin ich heute eben eher kleingeistig gestrickt, dafür aber mit einem übergroßen Anspruch ausgestattet.

Beim Nicht-mehr-weiter-drüber-ärgern frage ich mich, wer eigentlich bestimmt, wann ich aufräume, was ich danach mache und wer sagt überhaupt, dass ich in den knapp 2 Stunden, die mir dieser kinderfreie Nachmittag lässt, überhaupt was machen muss. Tu doch mal wieder etwas, was Dir richtig Spaß macht, sagt die kleine feine Stimme, die ich nun schon seit Monaten wieder geflissentlich überhöre. Tja und da liegt der Hase im Pfeffer! Was würde mir jetzt wohl spontan Spaß machen? Ein Einkaufsbummel? Geht nicht, es regnet Bindfäden und die Zeit reicht auch nicht. Ein bißchen Musik machen? Nö keine Lust. In die Badewanne? Ich weiß nicht, so mitten am Nachmittag. Ich repariere die Kugelbahn , maile meinem Mann die Einkaufsliste und stehe wieder vor dem Nichts.

Genau das ist es: ich tue einfach nichts. Ich stelle mir schon die hochgezogenen Augenbrauen vor, wenn mich irgendwer nachher fragt: “Und was hast Du so gemacht heute nachmittag?“ Und da antworte ich ganz locker:“Du weißte, ich hab eigentlich nichts gemacht!“

Ui das wird große Augen geben. Nichts. Wie kann man nur so mit dieser kostbaren Zeit umgehen?

Aber noch mache ich ja noch nicht nichts. Noch schreibe ich ja noch übers Nichtstun. Und während ich so schreibe und mir Gedanken mache, verrinnt meine kostbare Zeit des Nichtstuns. Jetzt ist es gleich nur noch eine halbe Stunde, bis der Nachwuchs wieder vor der Tür steht!

Jetzt aber schnell! Ich sitze also im Sessel und mache nichts. Kein Fernseher, kein Radio, kein Buch, keine Bastelei, keine Musik, aber auch kein Schläfchen, keine Gymnastik. Mein Rücken tut weh. Ich könnte mich ja auch mal ganz flach auf den Boden legen, das hat ja früher auch immer geholfen. Nach und nach nehme ich wahr, wie verspannt meine Muskeln sind, wie lange es her ist, dass ich mal ganz locker war. Ich recke und dehne mich ein wenig und schließe dann die Augen. Ich folge dem Schmerz und bin überzeugt, nie wieder vom Boden hochzukommen. Mein Mann wird nachher unseren Hausarzt rufen. Der wird mir eine Spritze gegen die Schmerzen verpassen und mich fragen: „Was haben Sie denn bloß gemacht?!!“ Und ich werde gewissenhaft antworten: “Nichts!“

Warum machen wir eigentlich immer soviel Gerede um dieses Nichts? Warum streichen wir darum herum wie die Katze um den heißen Brei? Wahrscheinlich weil wir Angst haben, dass es uns verschlingen könnte. Das Nichts macht uns Angst. Das konnte schon Michael Ende in seinem Buch „Die unendliche Geschichte“ verdeutlichen. Das Nichts fraß am Ende Phantasien auf. Und doch entstand aus diesem Nichts heraus etwas Neues. Ein neuer Anfang war gemacht.

Aber kehren wir von diesem kleinen philosophischen Ausflug zurück zu meinem kleinen Nichts am Dienstagnachmittag. Ich liege also auf dem Boden. Und endlich: Ich genieße es! Auch wenn es jetzt nicht mehr lange andauern wird. 😉 Selten habe ich meine Umgebung in letzter Zeit mal so intensiv in mich aufgenommen. Das leise Plätschern des Regens an die Scheibe, der feine Windzug der vom Fenster hereinweht, die klackenden Absätze auf dem Pflaster draußen, fröhliche Kinder, die auf ihren Fahrrädern vorbeifahren, das Zischen und Surren der Autoreifen auf der Straße und noch so vieles mehr. Und in mir keimt Dankbarkeit: Danke Gott, dass ich hier einfach mal eine Viertelstunde so liegen kann.

Ich schicke das Gebet zum Himmel und kehre zurück in meine Welt der Aufgaben, Herausforderungen und Ansprüche. Und dann habe ich auf einmal auch eine Idee, was ich mir heute noch Gutes tun will. Na bitte! Was ich vorhabe? 🙂 Total genial: Ich stelle mir die Sauna an und da mache ich, wie man bereits vermuten dürfte: Nichts. Außer Schwitzen, aber das geht ja bekanntlich von selbst.

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2 Kommentare zu “Das große unendliche Nichts

  1. Oh, da muss ich gleich noch weiter drüber nachdenken. Danke für den fantastischen Post über das Nichtstun, das so schwierig umsetzbar ist. – Ich bin momentan allein zu Hause, was einen Seltenheitswert hat. Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich keine einzige Minute dieser Zeit nichts getan. Ich habe gelesen, geschrieben, gelesen und geschrieben. Aber das ist ja nicht Nichtstun – nicht wahr?

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  2. Das hat mir jetzt ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Dieses kleine Nichts ist für uns alle so wichtig. Wir alle brauchen es, doch es ist manchmal so schwer umsetzbar. Man sollte es sich immer wieder einmal gönnen, – jeden tag ein Viertelstündchen.
    Beim nächsten Nichtstun denke ich sicherlich an Dich ,- aber ist es dann noch Nichtstun?
    LG
    Astrid

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