Fründliche Scherereien

Warten

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Zurzeit hänge ich in der Warteschleife beim Orthopäden. Nachdem ich zunächst ein Besetztzeichen erhielt, war ich nach 20 mal Wählen endlich bei einer Ansage gelandet. Eine freundliche Frauenstimme, die ich auch schon von anderen Warteschleifen kenne, erzählte mir, ich sei an Position 2.  Nach kurzer Zeit stieg ich auf. An Position 1. Ich solle nur noch ein wenig Geduld haben und „Danke im Voraus“ dafür. Während mich sphärische Musik in eine linde Vormittagstrance versetzt, die ich um diese Uhrzeit gar nicht gebrauchen kann, sinniere ich über den Sinn des Lebens und des Wartens. Leider kann ich mich nicht konzentrieren, weil die Dame in der Leitung mir alle 20 Sekunden für meine Geduld dankt. Doch ich halte aus. Seit nunmehr 10 Minuten befinde ich mich an bevorzugter Stelle. Ich schaue auf die Uhr. 10.39 Uhr. Vielleicht hat die Arztpraxis grad Frühstückspause. Gute Idee. Ich stehe auf und mache mir einen Kaffee. Mittlerweile wiege ich mich im Takt der Musik, drehe Pirouetten, schmiere mir ein Brötchen, stelle die Sphärenklänge etwas lauter, damit ich sie noch hören kann, während ich im Keller Wäsche sortiere. DuDiDuDiDuiDu…“Danke für Ihre Geduld.“ „Oh nichts zu danken.“ antworte ich.

Was ist eigentlich der Sinn des Wartens? Gibt es da einen? Bei vielen Institutionen ist Warten ja schon eingeplant. Anstatt mich darüber zu ärgern, bin ich dazu übergegangen, Wartezeiten sinnvoll zu nutzen. Im Wartezimmer beim Arzt probiere ich neue Funktionen auf meinem Handy aus. Ich komme ja sonst nicht dazu. Da kann ich gleichzeitig Menschen glücklich machen, wenn ich dem Gerät aus Versehen einen Fehlerton entlocke. So komme ich auch immer gleich ins Gespräch. So ein kleiner Fauxpas öffnet in der Regel Herzen und Münder. Die stumpfe Atmosphäre eines Wartezimmers lockert sich merklich.

Vielleicht könnte ich, während ich meiner Wartemusik am Telefon lausche, auch noch etwas anderes Sinnvolles tun? Ich überlege, ob ich noch einen Einkauf schaffen könnte.  Damit ich nichts verpasse, würde ich das Telefon mitnehmen, es in den Einkaufswagen legen und beschwingt im Takt der Musik durch den Supermarkt gehen. An der Kasse könnten meine Mitwartenden auch einen Eindruck von meiner Langmut bekommen. Sie würden meinem Beispiel folgen und am Ende sogar tolerieren, dass nur eine einzige Kasse geöffnet ist. Die Kassiererin würde meinen, ich solle ruhig öfter kommen mit meinem Telefon. Das sei ja eine tolle Idee. Wir könnten ein Honorar aushandeln für die psychologische Betreuung in der Warteschlange und den Abbau von Aggressionen am Samstagvormittag. Ich rechne das Businessmodell schon mal kurz durch…

Leider bin ich zu Hause und kann meine neue Geschäftsidee gedanklich nicht zu Ende entwickeln, denn plötzlich und unerwartet bin ich dran. Ein richtiger Mensch am Ende der Leitung will wissen, was ich denn wolle und der ist nicht so entspannt und dankbar wie die Warteschleifenstimme. Im Gegenteil, irgendwie macht er einen gehetzten Eindruck auf mich. Jetzt bin ich auch total unentspannt. Ich will zurück in die Daueransage. Da  hat es mir besser gefallen.

Rufen Sie doch auch mal eine Arztpraxis an. Natürlich nur eine, bei der Sie ganz sicher sein können, dass Sie auch wirklich in der Schleife landen. Sonst ist es natürlich rausgeschmissenes Geld. Danke für Ihre Geduld beim Lesen wollte ich übrigens noch sagen.

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4 Kommentare zu “Warten

  1. Ich war sehr gerne mit dir in der Warteschleife! Piep! Herrlich! Meine Tochter war letztens auch total genervt: Wenn sie eine Reklamation haben, dann drücken sie die eins! Wenn sie nur eine Frage haben, dann die 2, wenn…., dann … – es dauerte auch gefühlte Stunden, bis sie einen ‚echten Menschen‘ an der Strippe hatte, der ihr dann aber auch keine Antwort geben konnte. ;-0
    LG Martina

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  2. Wunderbar!
    Mein Tipp für die (Telekom-)Warteschleife: immer nur husten oder räuspern statt Tasten drücken – das versteht die Computerstimme nicht und man hat schneller einen „echten“ Menschen an der Strippe. Aber: ich übernehme keine Garantie für diesen Tipp…

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  3. Pingback: Fründlicher Soll – Ist – Vergleich | Fründliche Scherereien

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