Fründliche Scherereien

Tschernobyl – Mechtild Borrmann „Die andere Hälfte der Hoffnung“

Ein Kommentar

Eigentlich bin ich ein fröhlicher Mensch und versuche in diesem Blog auch etwas von dieser Fröhlichkeit im Alltag mit meiner Familie und anderen Zeitgenossen weiterzugeben. Doch dabei vergesse ich nie, dass dieses Glück, was ich erleben darf, von vielen Menschen in der Welt nicht geteilt wird geschweige denn überhaupt für sie vorstellbar ist.

In dieser Woche kam ich in Kontakt mit der Fragilität von Weltbildern und Lebensumständen, als ich eine Lesung mit Mechtild Borrmann besuchte. Es hat mich sehr betroffen gemacht und ich möchte über die Vorstellung des Buches hinaus noch ein paar Daten zum Thema aufschreiben.

Die Autorin

Mechtild Borrmann ist eine Krimi-Autorin. So hat sie zumindest angefangen. Mittlerweile versteht sie sich auch gut darin, Themen zu entwickeln, die ein Stück Zeitgeschichte widerspiegeln. Ihr neuestes Buch stellt sie zur Zeit auf Lesungen vor. Ich hatte die Gelegenheit, die Autorin kennenzulernen und ihr zuzuhören, als sie Teile aus ihrem Roman „Die andere Hälfte der Hoffnung“ vorlas.

Tschernobyl und was es mit den Menschen gemacht hat.

Am 26. April 1986 explodierte das Kernkraftwerk Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion. Innerhalb von Stunden mussten die Menschen Hab und Gut zurücklassen und kehrten nie wieder in ihre Dörfer und Städte in der Sperrzone zurück.Das Gebiet ist auf Jahre verstrahlt. Der Sarkophag, der um die immer noch glühende Unglücksstelle gebaut wurde, bekommt Risse und soll bis 2015 ersetzt werden.

Mittlerweile wurden die Vorschriften gelockert und Personen ab und jenseits der 50 wird erlaubt, bestimmte Gebiete, die zur sogenannten „Entfremdungszone“ gehören, wieder zu betreten und dort in vorhandenen Gebäuden zu leben. Ein Zynismus, so die Autorin, läge die Lebenserwartung der Menschen in der Ukraine und in Weißrussland doch ohnehin nur bei 55 Jahren. Dennoch sei auch Ziel auf  diese Weise zu vermeiden, dass Menschen im gebärfähigen Alter kranke Kinder zur Welt bringen.

Zum Roman:

Auch die Hauptperson des Romans Walentyna ist so eine Frau, die aufgrund von Geldmangel ihre Wohnung Verwandten überlässt und in die „Sperrzone“ zurückgeht. Dort angekommen beschließt sie für ihre Tochter, die sie schon lange nicht mehr gesehen hat, ein Tagebuch zu schreiben über ihr Leben vor und nach der Reaktorkatastrophe. Die Erinnerungen Walentynas treiben dem Leser Tränen in die Augen und jagen Schauer über den Rücken. Mit wenigen Worten versteht es Mechtild Borrmann die Situation am Tag X in Worte zu fassen. Sie hat es dabei nicht nötig, ausschweifende Erklärungen zu machen. Das nüchterne Beschreiben der Situation reicht völlig aus.

Ein zweiter Handlungsstrang im Roman berichtet über ein junges russisches Mädchen, das offensichtlich vor seinen Zuhältern flieht und auf einem einsamen Bauernhof bei einem alten Witwer kurzzeitig Zuflucht findet. Ein dritter Handlungsstrang begleitet dann den Kriminalkommissar Leonid, der von Walentyna beauftragt wird, die vermisste Tochter zu suchen, die im Rahmen eines Studentenaustauschprogrammes nach Deutschland ging und nicht wieder von sich hören ließ.

Das Buch brilliert durch eine einfache Sprache und ruft eindringliche Bilder beim Lesen hervor. Dies ging mir auch schon bei ihrem Buch „Der Geiger“ so. Leichte Kost ist es nicht. Zeitgeschichte in einen Krimi einbetten? Geht das überhaupt? Es geht sogar hervorragend und dabei ist das Buch nicht einmal besonders dick.

Recherche

Mindestens ebenso spannend wie die Auszüge aus dem Roman aber war die sich anschließende Fragerunde mit der Autorin. Sie berichtete von ihren drei Recherchereisen in das Gebiet um Tschernobyl, von Pauschaltourismus in verstrahltes Gebiet mit Geigerzählern in der Hand, von Armut und Ausgrenzung der Frauen, die als krank und nicht heiratsfähig gelten, von nicht vorhandenen Zukunftsperspektiven und folgender Prostitution und korruptem Gesundheits- und Bildungssystem.

Erschütternd, spannend, lehrreich war dieser Abend. Tschernobyl: fast 30 Jahre ist es her und nichts ist je wieder normal geworden an diesem Ort. Das Buch von Mechtild Borrmann bringt uns schmerzlich nahe, wie die Menschen heute noch damit nicht zurechtkommen. Und lässt den Hörer und/oder Leser mit Beklemmung und schmerzhaften Fragezeichen im Kopf zurück.

 

Weiterführende Links:

Spiegel TV Beitrag 17.05.2011

WDR – Der schleichende Tod Eine Reise nach Tschernobyl März 2011

Mechtild Borrmann auf youtube

 

 

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Tschernobyl – Mechtild Borrmann „Die andere Hälfte der Hoffnung“

  1. Danke für diesen Beitrag!

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