Fründliche Scherereien

Servicewüste Deutschland – es besteht noch Hoffnung

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Samstagvormittag vor dem Lebensmitteldiscounter – halb zehn in Deutschland. Eigentlich wäre jetzt Haselnussschnitten-Pausenzeit, aber todesmutig stürze ich mich ins Getümmel und weiß sogleich, warum ich mir sonst den Luxus des Ausschlafens gönne und erst in der Mittagszeit einkaufen gehe. Sonderbarerweise ist mir das Glück hold und ich finde sofort einen Parkplatz direkt gegenüber dem Eingang. Nach zwei Schritten werde ich auch schon angesprochen, ob ich nicht ein Päckchen der Liebe für bedürftige Kinder im Osten spenden wolle. „Ja sicher!“ antworte ich,“aber nicht hier und jetzt. Ich habe schon einige Kisten bei mir zu Hause stehen, die noch gefüllt werden und dann auf die Reise gehen.“ Höflich bedanken sich die rotwangigen Jugendlichen, die im Auftrag der Kirche mich genauso höflich und freundlich und bestimmt furchtbar pubertär aufgeregt angesprochen haben. Überrascht und überwältig von soviel dezenter Nettigkeit schwebe ich in den Laden und lade meinen EInkaufswagen voll. Selbtsverständlich habe ich es eilig und schon, man glaubt es kaum, ergattere ich eine leere! Kasse. Während auf dem Parkplatz draußen der deutsche automobile Kleinkrieg tobt, stapel ich gelassen meine Waren auf das Fließband und bin im siebten HImmel angekommen, als der Kassierer mir mit heller Stimme einen guten Morgen entgegenflötet. Ich schaue genauer hin, nein es ist keiner meiner Landsleute. Er scheint heute seinen ersten Tag zu haben, denn er trägt kein Namensschild und sitzt offensichtlich auch noch an der falschen Kasse, wie ihn eine schlecht gelaunte landestypische Kassiererkollegin anpflaumt. Das raubt dem guten Mann südeuropäischer oder mindestens nahöstlicher Herkunft die gute Laune vor dem Kunden in keinster Weise. Gelassen und sichtlich um mein Wohlergehen bemüht, zieht er meine Einkäufe über den Scanner und hat nebenbei auch noch ein nettes Wort wie: „Ah die leckeren Banenen!“ auf der Zunge. Ich bin überfordert. Was soll ich sagen? Soll ich mit ihm sprechen? Meint der mich? Ich schaue mich um. Niemand teilt diesen Moment der Oase in der deutschen Servicewüste. Upps, jetzt kommt’s aber dicke, denke ich. Ich habe nämlich vergessen die Porrestange zu wiegen. Schweißgebadet blicke ich hinter mich und erwarte schon die vorwurfsvollen Blicke. Schließlich halte ich die Schlange auf. Zerknirscht biete ich an, die Stange selbst zu wiegen. Damit ist mein Kassierer einverstanden. Ich hetze und renne, breche auf dem Weg zur Waage alle Geschwindigkeitsrekorde. Im Innern höre ich schon den Aufruf über die Lautsprecher, den Stau an Kasse 4, hervorgerufen von einer dämlich Kundin, die nicht wiegen konnte, weiträumig zu umfahren. Mit hängender Zunge aber wie der Blitz komme ich zurück an Kasse 4, wo der freundliche Kollege eben den Rest meiner Waren eingescannt hat, höchstselbst aufgesprungen ist und mal eben meinen Wagen wieder eingeräumt hat. Über die Maßen befremdet von soviel Nettigkeit lege ich noch schnell den Porree auf das Band, bezahle mit meiner Karte und werde mit einem schallenden im ganzen Satz gesprochenen „Ich wünsche Ihnen noch ein schönes Wochenende“ in dasselbe entlassen.

Wie im Traum finde ich mich vor dem Kofferraum meines Wagens wieder. Und während ich mich noch kneife und mir beweise, dass ich nicht halluziniert habe, krachen neben mir zwei Wagen ineinander und ein ohrenbetäubendes Hupen, wildes Gestikulieren gefolgt von einer lautstarken typisch deutschen Auseinandersetzung gehen los. „Du alter Affe!“ ist noch das harmloseste, was sich die Fahrer der Markenwagen vom Weißwurstäquator an den Kopf werfen. Doch ich setze galant mein Auto aus der Parklücke. Mir kann heute keiner mehr was. Ich, Kundin in Deutschland, bin wieder wer. Wie sangen schon die Puhdys und Peter Maffay: „Sieben Mal wirst du die Asche sein, aber einmal auch der helle Schein.“

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